"Ich habe mal eine Frage, die mich schon länger beschäftigt. Darf man einen Hund eigentlich im Nacken fassen und dann schütteln (als Bestrafung, ähnlich dem Schnauzengriff) - oder ist das totaler Unsinn? In jedem Buch steht darüber etwas anderes: "Nackenschütteln wenden schon die Mütter bei ihren Welpen an" oder "Das Nackenschütteln gleicht dem Totschütteln. Der Hund denkt, der Mensch, der ihn schüttelt, will ihn töten. Das ist barbarisch!" Was ist denn nun richtig?! Ich hoffe, das ihr mir diese Frage beantworten könnt!
Danke im Voraus, XXX"
Hallo XXX,
ich gehe davon aus, daß das Nackenschütteln in der Hundeerziehung "grober Unfug" ist.
Ich habe vier Würfe von vier verschiedenen Hündinnen aufgezogen und kann definitiv sagen, daß keine Hündin je einen der Welpen geschüttelt hat. Anfangs war ich darüber sogar enttäuscht, weil ich dachte, meine Hündin wäre verhaltensgestört...
In Wirklichkeit passiert folgendes: die Welpen bekommen mit ca. 6 Wochen diese nadelspitzen Milchzähnchen. Ab da tut es der Hündin weh, wenn sie beim Säugen nicht vorsichtig sind oder wenn sie sie im Spiel an empfindlichen Stellen beißen. Sie reagiert dann mit hundlichem Drohverhalten: sie erstarrt, runzelt die Nase, starrt böse vor sich hin und knurrt dazu oder blafft einmal kurz in Richtung auf den Welpen. Aber der kleine Kerl reagiert zunächst nicht darauf, denn er muß erst lernen, was das bedeutet. Also beißt er munter weiter. Die Hündin schnappt den Welpen dann evtl. ab, ebenso wie sie etwa einen aufdringlichen Rüden abschnappen würde. D.h. sie blafft oder knurrt und schnappt vor ihm in die Luft. Meist erschreckt der Welpe dann und weicht vor dem symbolischen Anprall zurück oder purzelt um.
Evtl. kann es auch zu einem über-die-Schnauze-fassen kommen: mit geöffneten Maul faßt die Hündin ein paar Sekunden von oben locker über Schnauze oder Kopf des Welpen, knurrt leise und verharrt so. Dann läßt sie ihn wieder los. Ansonsten kommt der „Schnauzgriff" eher in gemäßigterer, symbolischer Form und dann ohne Knurren in ruhigeren Situationen vor und kann sogar eine zärtliche Geste sein, durch die in freundlicher Stimmung die Rangordnung bekräftigt wird.
Eine andere mögliche Reaktion der Hündin auf einen frechen Welpen ist das Niederdrücken (engl. „pinning"). Wenn der Welpe sich ihr z.B. beim Spiel in die Ohren in die Ohren hängt oder trotz deutlicher Warnung durch Knurren und Naserunzeln und böse starren an ihren Napf geht oder sie immer wieder belästigt, wird die Hündin echt sauer und drückt ihn mit offener Schnauze am Nacken auf den Boden. Er liegt dann platt auf dem Bauch wie ein Pfannkuchen.Die Hündin macht das recht energisch und blitzschnell, aber nur kurz. D.h. sie läßt ihn in aller Regel sofort wieder los. (Es ist also kein langes Festhalten bis der Welpe ganz schlaff liegt und auch kein auf den Rücken drehen und niederhalten, wie manchmal behauptet wird.) Kommt der Kleine dann sofort wieder hoch und schnappt wieder, drückt sie ihn eben nochmals runter, heftiger, und notfalls nochmal, bis er halt nachgibt. Dazu knurrt sie meist noch, immer etwas lauter und böser.
Bei all diesen Maßnahmen fällt der Welpe, der ja in dem Alter noch sehr klein und ziemlich tapsig ist, natürlich oft um. Ebenso purzelt er oft auf den Rücken, wenn die Hündin einen ihrer gelegentlichen wilden Spielanfälle bekommt und "Welpen kegelt", also sehr wild mit ihnen spielt (was manche Hündinnen tun). Da die Welpen so viel kleiner sind als ihre Mutter, ist ihnen dies anfangs oft zu viel, manchmal haben sie sogar etwas Angst vor ihr und laufen weg und quietschen. Das hilft ihnen aber nicht, sondern ermuntert die Hündin eher zu noch mehr freundlichen, aber überwältigenden Spielaktionen. Landen die Welpen aber bei diesem wilden Spiel auf dem Rücken, kommt offenbar bei der Hündin der Pflegetrieb durch. Ihr Instinkt sagt ihr, daß man Welpenbäuchlein putzen muß. Sie hört auf zu spielen und leckt und putzt den Welpen mütterlich. Beim Putzen wiederum kann es schon mal vorkommen, daß es einem Welpen lästig wird und strampelt und wegstrebt. Dann schubst die Hündin ihn meistens sanft aber bestimmt um, und putzt weiter, bis sie der Meinung ist, daß es reicht.
Der Welpe lernt bei all dem, daß die Hündin ihm unbedingt körperlich überlegen ist und daß er vor ihr meist nicht fliehen kann, daß er sich aber ihrem überschwänglichen Spiel entziehen kann, indem er sich auf den Rücken legt. Und einer körperlichen Zurechtweisung kann er entgehen, indem er die Hündin in Ruhe läßt und sich zurückzieht, wenn sie droht - oder indem er sich ebenfalls auf den Rücken legt. Das Knurren, Naserunzeln, Starren der Hündin lernt er dabei als Warnsignal wie unser "Nein" oder „Pfui": "Hör sofort auf, sonst..." All dies passiert hauptsächlich zwischen der 6. und 8. Woche und ist natürlich enorm wichtig. Der Welpe lernt dadurch eine gute Beißhemmung und er lernt, auf Drohungen der Erwachsenen angemessen zu reagieren und sie ggf. durch unterwürfiges Verhalten zu beschwichtigen.Und all dies in der sicheren Umgebung seines Rudels, deren erwachsene Mitglieder ihm niemals wirklich etwas tun würden.
Meiner Erfahrung nach kann man all das als Mensch bei der Welpenerziehung ganz gut nachahmen. (Vorsicht: übernimmt man einen Hund erst als erwachsenes Tier, ist es aber wieder etwas ganz anderes!) Also: „knurren" (mit tiefer Stimme „Nein" o.ä. sagen), erstarren und böse gucken. Reicht das nicht: noch mehr „knurren" und über die Schnauze fassen. Reicht auch das nicht: den Welpen kurz zu Boden drücken. Dabei wird die Reaktion auf unser "Nein" gelernt, so daß nach ein paar Wiederholungen das „Nein" allein ausreicht und man den Welpen damit wirksam stoppen kann, wenn er z.B. im Spiel zu fest beißt oder etwas Verbotenes tun will. Ich hatte nie den Eindruck, daß diese Maßnahmen dem Welpen schaden oder ihn übertrieben einschüchtern. Bei den vier Würfen habe ich dies mit den Welpen ab 6 Wochen geübt und konnte mit 8 Wochen Welpen abgeben, die zeitlebens gut auf das "Nein" ihrer Menschen gehört haben und außerdem schon eine sehr gute Beißhemmung hatten.
Nun hat sich aber gezeigt, daß man dabei auch viele Fehler machen kann (weswegen manche Hundetrainer den Schnauzgriff oder das Herunterdrücken auch lieber von vornherein gar nicht erst empfehlen). Es kommt wirklich darauf an, das Verhalten der Hündin ziemlich genau nachzuahmen. Wenn man mit hoher Stimme leise „Nein" murmelt und den Hund nur zaghaft zurückschiebt, erzielt man nicht den gewünschten Effekt. Etwas schauspielerische Begabung und eine gewisse Energie sind schon nötig.
Und Leute, die ihren Welpen zur Strafe im Nackenfell packen und schütteln, statt ihn herunterzudrücken, bekommen meistens einen sehr erregten Hund, der evtl. heftig zurückschnappt. Denn genauso spielen die Welpen untereinander: sie packen sich im Fell und rütteln daran. Das Rütteln scheint dem Welpen also eigentlich eine Auforderung zu wildem Raufspiel zu sein. Andererseits spürt er aber auch den Ärger des Menschen und ist bald wegen dieser widersprüchlichen Botschaften völlig verwirrt und gestreßt. Über einige Zeit falsch angewandt kann dieses Schütteln daher sogar zu einer Art Handscheue führen - nähert sich eine Hand von oben, wird der Welpe sehr aufgeregt und schnappig, weil er nicht weiß, was auf ihn zu kommt.
Wenn man den Welpen aber richtig hochheben und beuteln würde, wäre das tatsächlich viel zu massiv. Es würde ihm mit Sicherheit wehtun, könnte ihn sogar verletzen und würde ihm Angst machen - wenn ich auch nicht unbedingt glaube, daß ein Welpe weiß, daß das einem Beutetier gegenüber ein „Totschütteln" wäre. Woher sollte er das wissen? Aber es stimmt, daß erwachsene Hunde den anderen eigentlich nur noch in einem ernsthaften Kampf mit Verletzungabsicht schütteln. Im Spiel kommt dies dann nicht mehr vor und eine Erziehungsmaßnahme ist es schon gar nicht.
Will man also das Verhalten der Mutterhündin nachahmen, ist schütteln falsch, denn erwachsene Hunde schütteln Welpen nicht. Will man aber nur irgend etwas Unangenehmes tun, um den Welpen zu bestrafen, eignet sich das Schütteln auch nicht, denn es ist entweder allzu brutal oder wird vom Welpen falsch verstanden und regt ihn nur noch mehr auf.
Fazit: Nackenschütteln ist als Hunde-Erziehungsmethode "out" - und war bei Hunden und Wölfen auch nie "in".
Viele Grüße,
Sabine Winkler
