Im Internet sorgt derzeit unter Hundefreunden ein Videoclip (zu sehen unter http://youtube/HrPBKbXuowE) für teils sehr erregte Diskussionen. Dabei ist zu sehen, wie ein Schäferhund von einem Trainer mit einem metallenen Futternapf heftig auf dem Kopf geschlagen wird, als er in einer gestellten Situation mit Maulkorb versehen versucht, eine Person zu attackieren. Inzwischen wurde durch Stellungnahmen der daran beteiligten Personen (Michael Grewe und Frank Fass) bekannt, dass das Video 2009 während eines Canis-Ausbildungsworkshops für angehende Hundetrainer aufgenommen wurde. Das harte Vorgehen wird von Herrn Grewe in seiner Stellungnahme damit begründet, dass der Schäferhund bereits „etliche Hundeschulen“ durchlaufen hatte, derzeit zur Diskussion stand, ob er eingeschläfert werden müsse und die Halterin den Hund nach dem Training „bei sich behalten und gefahrloser managen“ konnte. Die Szene sei außerdem aus dem Zusammenhang gerissen und das Vorgehen könne daher aufgrund des kurzen Filmausschnittes gar nicht beurteilt werden. Aus Sicht des Berufsverbandes der Hundeerzieher und Verhaltensberater e. V. (BHV) kann diese Begründung jedoch eine solche „Trainingsmaßnahme“ auf keinen Fall rechtfertigen, und zwar weder aus fachlicher Sicht noch unter dem Aspekt des Tierschutzes.
Der Tierschutzaspekt ist allein schon am Ausdrucksverhalten des Hundes offensichtlich: Der Hund ist schon vor der gestellten Situation, die zum Schlag mit der Schüssel führt, stark verunsichert und gestresst. Er strebt schutzsuchend zur Besitzerin, was ihm aber verwehrt wird. Durch die Leine und „Korrekturen“ des Trainers ist ihm auch die Möglichkeit genommen, sich eventuell zurückzuziehen. Auf den Schlag reagiert er mit einem Aufjaulen und panischen Fluchtversuchen, die wiederum die Leine verhindert. Danach und bei einer weiteren Annäherung der Hilfsperson (die er nun nicht mehr zu attackieren wagt) sieht man starke Stresszeichen und eine geduckte Haltung. Bei all dem sind der Stresspegel und die Ausweglosigkeit für den Hund als weitaus kritischer zu bewerten als der zu vermutende Schmerz durch den Schlag.
Aus fachlicher Sicht ist die gezeigte „Trainingsmaßnahme“ schlichtweg ein Kunstfehler. Auch deshalb ist es besonders erschreckend, dass die Trainingsmethode im Rahmen einer Ausbildung angehender Hundetrainer gezeigt wurde.
- möglichst beim ersten Mal erfolgen, bei dem der Hund das zu strafende Verhalten zeigt. Dies ist nicht gegeben, denn der Hund hatte schon mehrfach gebissen/angegriffen.
- hart genug sein, so dass der Hund sein Verhalten sofort abbricht. Das ist nicht gegeben, denn der Schäferhund bellt nach dem Schlag weiter die Hilfsperson und den Trainer an und beruhigt sich erst, als der Trainer seine Drohhaltung einstellt und den Hund beruhigt.
- konsequent jedes Mal erfolgen, wenn der Hund das betreffende Verhalten zeigt. Damit das gegeben ist, müsste die Besitzerin und eventuelle weitere Betreuungspersonen selbst weiter so mit dem Hund verfahren und auch im Alltag jederzeit bereit und in der Lage sein, ihn so hart zu strafen wie in dem Video, wenn er sich wieder so verhalten sollte. Dies ist aber normalerweise für Hundehalter nicht machbar.
Dazu kommt, dass Hunde sehr situationsgebunden lernen. In der im Video gezeigten Situation wird vom Hund unter Umständen alles mit verknüpft: der Trainer, der Napf in der Hand, die Leine, der Maulkorb, die Zuschauer, die bestimmte Hilfsperson in der besonderen Kleidung usw. D.h. er lernt zunächst nur, sein Problemverhalten in dieser ganz bestimmten Situation zu unterlassen. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass es zu Rückfällen kommt, wenn z.B. der Trainer nicht mehr dabei ist. Damit die Strafmaßnahme nachhaltig wirkt, muss sie also in aller Regel mehrere Male, vielleicht viele Male, wiederholt werden. Falls ein solcher Trainingsansatz überhaupt dauerhaft Erfolg bringen würde, dann nur um den Preis einer so genannten „erlernten Hilfslosigkeit“, ein Zustand, der einer Depression ähnelt, was wiederum dem Tierschutzgedanken krass widerspricht.
Ist es nun, wie Herr Grewe argumentiert, unfair, die Filmszene zu beurteilen, ohne den Rest des Trainings gesehen zu haben? Vielleicht wurde ja ansonsten überwiegend mit gewaltfreien Maßnahmen trainiert, auch wenn das aufgrund der Reaktion des Hundes und seines Ausdrucksverhaltens eher unwahrscheinlich erscheint. Doch selbst in dem Falle ist die gezeigte Trainingsmaßnahme als Fehler zu bewerten, denn den Hund dermaßen zu stressen ist völlig unverhältnismäßig und würde erfahrungsgemäß auch im Rahmen eines angemessenen Trainingsplans eher zu Rückschritten führen oder aber gar nicht erst notwendig werden.
