Sehr geehrte Frau Frager,
Sie schrieben:
"Durch meine Hundetrainerin bin ich auf Ihre Internetseite und somit auf das Clickertraining aufmerksam geworden. Ich habe vor einem Jahr eine altdeutsche Schäferhündin (ca. 3,5 Jahre alt) aus dem Tierheim geholt. Nach dem ersten Mal Spazierengehen stellte sich heraus, dass dies ein extrem aggressives Tier gegenüber anderen Hunden ist (mit Menschen gibt es überhaupt keine Probleme).
Da es schon zu sehr unerfreulichen Kontakten zwischen meinem und anderen Hunden gekommen ist, beschloss ich, die Hundeschule zu besuchen. Dort macht sie nun schon zumindest an der Leine einige Fortschritte.
Das Clickertraining hörte sich für mich sehr interessant an. Da ich immer auf der Suche nach einer Möglichkeit bin, die meiner Hündin helfen könnte, frage ich mich, ob ein solches Training bei extrem aggressiven Hunden, wie meine es ist, überhaupt Sinn macht."
Auf alle Fälle ja.
Und zwar einmal, weil Clickertraining sowieso eine tolle Sache ist...
Clickertraining ist eine Trainingsmethode, die auf Erkenntnissen über das Lernverhalten von Tieren beruht und diese optimal nutzt. Deswegen ist das Clickertrainingsprinzip eigentlich die Grundlage allen Trainings. Sich damit zu beschäftigen schadet nie, denn egal ob man später dann auch einen Clicker benutzt oder nicht - es wird einem insgesamt durch die notwendige Hintergrundtheorie sehr gut klar, wie Hunde lernen. Dinge wie Timing, wie und was verknüpft der Hund, was bedeuten ihm eigentlich Kommandos usw. kommen sozusagen ganz nebenbei vor. In der Praxis erlebt man dann hautnah das typische Auf und Ab eines jeden Lernvorgangs und vor allem, wie der eigene Hund sich sein Lernziel selbstständig erarbeitet und was für individuelle Vorlieben und Abneigungen, Stärken und Schwächen er hat. Das ist eine äußerst spannende und wichtige Erfahrung, um die man sich selbst bringt, wenn man den Hund durch übertriebenes Locken, Zureden und "Animieren" beim Lernen immer nur sehr gängelt oder ihn gar beim Lernen durch "Korrekturen", Tadel und Zwang in seinem Verhalten stark einschränkt.
Die anderen Vorteile liegen beim Hund. Hunde lieben Clickertraining. Das Clickgeräusch ist einmalig klar und kurz - schon in den 50er Jahren wurde in langen Versuchsreihen festgestellt, dass der Click das für das Training von Tieren effektivste Geräusch ist - besser als Stimme, Pfeife oder irgendetwas anderes. Das genaue Timing und das unverkennbare Geräusch, zudem die beim Clickern angewandte "Kleinschrittigkeit" des Übungsaufbaus (das so genannte "Formen") erleichtert dem Hund das Lernen enorm. Clickertraining ist für Hunde also wie ein lustiges Ratespiel, bei dem es nur Preise (und keine Strafen) gibt. Die Anforderungen werden immer nur in so kleinen Schritten gesteigert, dass der Hund die Aufgabe immer gut schaffen kann und nie zu sehr überfordert oder frustriert wird. Das Clickertraining vermittelt dem Hund ununterbrochen viele kleine Erfolgserlebnisse (bei jedem Click eines). Wer von uns würde nicht gerne so lernen?
Kein Wunder also, dass Clickertraining bei so vielen Hunden zu einer erstaunlichen Motivationssteigerung führt: das Lernspiel als solches gefällt dem Hund so gut, dass er sich zunehmend gern davon in Bann ziehen lässt und es allein dadurch schon etwas einfacher wird, ihn von seinem Problemverhalten abzubringen. Da Misserfolg und Ungewissheit außerdem wichtige Stressfaktoren sind, kann die durch das Clickerprinzip erreichte Reduzierung von Misserfolgsgefühlen und Unklarheiten beim Training gerade auch dem Problemhund helfen, Stress zu reduzieren. Stress wiederum verstärkt Aggressionen, darum ist es so wichtig, gerade Hunde mit Aggressionsproblemen (wie natürlich auch Hunde mit Angstproblemen) möglichst stressfrei zu trainieren.
Auch die "Wertigkeit" des Menschen (Trainers) im Leben des Hundes wird durch das gemeinsame Clickertraining größer. Damit festigt sich auch die gesamte Bindung. Die Bereitschaft, sich nach dem Menschen zu richten und "auf dessen Rat zu hören" steigt oft beträchtlich. Warum das? Nun, "seinen" Menschen erlebt der Hund beim Clickertraining ja immer wieder als jemanden, der ihn behutsam über viele kleine Erfolgserlebnisse zum (vom Menschen gewünschten) Ziel führt, nicht als jemanden, der ihn überfordert und stresst. Es lohnt sich also buchstäblich für den Hund, diesen tollen "Typen" im Auge zu behalten und sich an dessen "Meinung" zu orientieren. In der Regel übertragen die Hunde diese Erfahrung auch in den Alltag außerhalb des Clickertrainings. Clickertrainer berichten immer wieder, dass ihre Hunde nach der Umstellung auf Clickertraining begannen, insgesamt stärker auf zustimmende und auch ablehnende Gesten ihres Menschen reagieren und diese sogar oft von sich aus erbitten, z.B. durch einen fragenden Blick zum Hundeführer. Diese Steigerung in der gesamten "Ansprechbarkeit" ist natürlich gerade auch für Besitzer "schwieriger" Hunde ein großer Vorteil.
Das Clickertraining vermittelt dem Hund also viele Erfolgserlebnisse. Andererseits wird er aber immer wieder vor kleine Probleme gestellt, die er selbstständig durch Ausprobieren lösen muss. Er lernt dadurch auch, dass es sich lohnt, durchzuhalten und sich weiter anzustrengen, selbst wenn er zwischendurch mal Frustgefühle erlebt (nämlich während er etwas ausprobiert, aber dabei falsch "rät", und deswegen mal keine Clicks bekommt). Er wird also findiger im Problemlösen und trainiert ganz nebenbei, besser und "konstruktiver" mit Frust umzugehen. Ich bin überzeugt davon, dass der Hund vieles davon auch auf Situationen überträgt, in denen er im Alltag vor Probleme gestellt ist (nämlich bei Ihrem Hund in Hundebegegnungen).
Weil das Clickertraining für Hunde spaßig, klar und weniger stressig ist und ihm letztlich immer wieder Erfolgserlebnisse vermittelt, aber auch weil es ja beim Clickern streng "verboten" ist, zu tadeln, zu strafen oder den Hund zu etwas zu zwingen oder ihn psychisch unter Druck zu setzen, bekommt das Clickgeräusch mit der Zeit die Qualität eines Sicherheitssignals. D.h. der Hund fühlt sich, wenn geclickert wird, praktisch automatisch "gut gelaunt" und angenehm sicher nach dem Motto: "Wo man clickt, wird mir nichts Schlimmes passieren. Clickern bedeutet Spaß, Erfolg und dass die Situation mich nicht überfordern wird." Dies ist ein riesiger Vorteil, dessen Wert man im Grunde nur durch eigene Erfahrung ermessen kann. Gerade auch ängstliche Hunde profitieren sehr davon, aber auch aggressive, denn die meisten Aggressionsprobleme sind ursprünglich einmal aus Angst entstanden.
Hat man zusammen mit dem Hund etwas Clickererfahrung gesammelt, kann man den Clicker oft auch direkt in Problemsituationen im Alltag einsetzen, etwa um den Hund gezielt für weniger ängstliches oder weniger aggressives Verhalten zu verstärken oder ihm ein geeignetes Ersatzverhalten anzutrainieren. Ich habe z.B. bei meinem eigenen hundeaggressiven Rüden sehr gute Erfolge damit gehabt, ihn für "gutes" Sozialverhalten zu clicken, z.B. wenn er in der Nähe anderer Hunde freundliche oder beschwichtigende Gesten zeigt. Das geht freilich erst, wenn Ihr Hund in der Nähe anderer Hunde einigermaßen ruhig bleiben kann und wenn er - durch einige Tricks oder andere Übungen mit Clicker außerhalb der eigentlichen Problemsituationen - schon die positive Bedeutung des Clicks und die Grundlagen des Clickertrainings erfahren hat. Bis sich Hund und Mensch ganz auf das Clickertraining umgestellt haben und die oben erwähnten Vorteile greifen, kann es allerdings (je nach Vorgeschichte) durchaus einige Monate dauern.
Ich würde Ihnen also auf alle Fälle sehr zuraten, sich mit dem Clickertraining zu beschäftigen. Auf jeden Fall wünsche ich Ihnen viel Glück und Erfolg mit Ihrem Hund.
Sabine Winkler
© aHa - die andere Hundeausbildung, Bielefeld - Sabine Winkler - Telefon 05203 - 883770
Achtung! Bei diesem Artikel handelt es sich nicht um eine allgemeine oder gar umfassende Anleitung zur Behandlung von Angst- und Aggressionsproblemen beim Hund! Es geht nur um die Frage, inwieweit Clickertraining als ergänzendes Training eine Hilfe bei solchen Problemen sein kann. Die vorliegende Frage-Antwort-Form wurde aus rhetorischen Gründen gewählt.
