Neulich hatte ich auf einem Spaziergang mal wieder einen Zusammenstoß mit der „Er weiß es ganz genau"-Fraktion. Meine Hündin war gerade erst „heiß" gewesen und roch sicher für fremde Rüden noch unwiderstehlich. Kein Wunder also, daß von einem benachbarten Hof ein solcher unsere Fährte aufnahm und uns nachlief. Vom Hof aus wurde erst mal 10 oder 20 mal in höchster Lautstärke hinter ihm her gerufen und gepfiffen, bis die Besitzerin dann ins Auto stieg, um den nun schon mehrere hundert Meter weit hinter uns hergelaufenen Rüden abzuholen. Derweil hatte ich ihn schon vorsichtshalber weggejagt, indem ich ihm mit einem kräftigen „Ab nach Haus!!!" meinen Schlüsselbund vor die Füße warf – was ich vor allem deswegen tat, weil er ein wenig zudringlich wurde und mein eigener Rüde biestig werden kann, wenn ein Rivale „seine" Hündin belästigt. Nun ist es ja auch kein Wunder, wenn ein Rüde unter solchen Bedingungen mal „schlecht hört" (womit ich allerdings nicht sagen will, daß der betreffende Hund unter normalen Umständen wesentlich besser hört...). Der Rüde trollte sich jedenfalls wieder Richtung Hof und es war ja auch nichts weiter passiert, kein Grund zur Aufregung also.
Was ich nun beobachtete, regte mich aber dann doch auf. Die Besitzerin nahm den Hund am Auto mit einem scharfen und barschen „Sitz!!! Du böser Hund! Sollst du etwa weglaufen!? Kennst du denn nicht deinen Namen!?" usw. usf. in Empfang und zerrte ihn unwirsch ins Auto. Normalerweise mische ich mich nicht in das ein, was andere Hundehalter tun, und gebe auch keine ungebetenen Ratschläge. Aber als die Frau mir nun zurief, ob alles in Ordnung sei, konnte ich mich doch nicht enthalten anzumerken, daß ihr Hund wohl demnächst nicht dadurch besser auf Ruf kommen würde, daß sie ihn jetzt ausschimpfte. Als Antwort bekam ich dann das Übliche: sie habe schon alles versucht, aber der Hund „höre ja" trotzdem „nicht". Weil er „es" jedoch „ganz genau wisse", sei die Strafe auch verdient.
Der gemeinsame Nenner dieser und vieler ähnlicher Geschichten ist der: wann immer Sie einen Hundebesitzer treffen, der überzeugt davon ist, daß sein Hund „es ganz genau weiß", können Sie darauf wetten, daß ausgerechnet dieser Hund nur sehr schlecht gehorcht. Eigenartig. Man sollte doch annehmen, daß Hunde, die alles ganz genau wissen, dann auch besonders brav sind. Viel braver jedenfalls als Hunde, die offenbar nicht alles „genau wissen". Aber die Bemerkung „der weiß es ganz genau" hört man nie von einem stolzen Hundehalter, dessen Hund prima auf Ruf kommt und der deshalb allen Grund hätte, davon überzeugt zu sein, daß sein Hund wirklich „ganz genau weiß", was von ihm erwartet wird.
Mindestens ebenso befremdlich finde ich, daß Hundehalter aus der „er weiß es ganz genau"-Fraktion oft jahrelang strafen, schimpfen und sich ärgern und dennoch offenbar nie auf die Idee kommen, daß irgendetwas mit ihren Methoden nicht stimmen könnte. Kämen sie ähnlich schlecht mit ihrem Computer zurecht, hätten sie sicher längst einen entsprechenden Kursus besucht oder sich zumindest ein paar gute Bücher zum Thema besorgt. Aber bei einem Hund, der „es ja ganz genau weiß", braucht man natürlich nicht darüber nachzudenken, was man vielleicht selbst falsch macht. Nach diesem Erklärungsmodell versteht der Hund die Menschensprache mindestens ebensogut wie ein sechsjähriges Kind und gehorcht einem Befehl nur deshalb nicht, weil er trotzig und aufsässig ist und „seinen" Menschen absichtlich auf die Palme bringen will. Oder weil er sich wider besseren Wissens im Moment nicht beherrschen kann und eigenen Neigungen nachgeht, statt zu gehorchen, weswegen er dann später angeblich ein „schlechtes Gewissen" hat.
Falls Sie das insgeheim auch glauben, sollten Sie sich einmal klarmachen, was Sie Ihrem Hund da eigentlich wirklich unterstellen. Theorie eins: er versteht das Kommando genau, verweigert aber absichtlich aus niederen Gründen den Gehorsam. Warum in aller Welt sollte er das tun? Beobachten Sie mal bei der nächsten Gelegenheit Ihren (oder einen anderen) Hund genau, während er Schimpfe oder Strafe über sich ergehen läßt – er sieht kreuzunglücklich aus, nicht wahr? Viele Hunde haben sogar richtig gehend Angst vor ihrem Besitzer, den sie in solchen Momenten als unberechenbar aggressiv empfinden, weil sie eben nicht verstehen, warum er so zornig ist. Kein vernünftiger Hund nähme einen solchen Streß mit seinem wichtigsten Sozialpartner bewußt in Kauf, wenn er nur wüßte, wie er ihn vermeiden kann. Der Hund ist ein soziales Wesen und hat besseres zu tun, als seinen mächtigen menschlichen Sozialpartner aus purem Mutwillen zu ärgern - vor allem wenn er dafür große eigene Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen muß.
Schauen wir uns also das zweite Erklärungsmodell an. Der Hund weiß es zwar eigentlich besser, konnte sich aber im Moment nicht beherrschen und bereut diesen Ausrutscher später. Also eine Charakterschwäche. Mal ehrlich, wann haben Sie sich zuletzt aufgrund einer momentanen Stimmung über einen eigentlich gefaßten Vorsatz hinweggesetzt (z.B. weniger zu essen oder zu rauchen) oder ein kleines Versprechen gebrochen, das Sie jemandem voreilig gegeben hatten (wie z.B. etwas sofort aufzuräumen oder zu reparieren)? Aber ein Hund sollte natürlich einen edleren Charakter haben als ein Mensch. Er sollte selbstverständlich immer treu, dankbar und pflichtbewußt handeln und auf den Ruf seines Herren stets alles andere ihm wichtige (als da wären Wild, läufige Hündinnen, Spiel mit anderen Hunden, interessante Gerüche...) sofort stehen und liegen lassen und bereitwilligst herbeigeeilt kommen. Das ist ja wohl das mindeste, was man erwarten kann, da man ihn jeden Tag füttert und mit im Haus wohnen läßt. - Oder?
Willkommen in der Wirklichkeit! Ein Hund ist ein Tier. Er lebt sehr viel mehr noch als wir Menschen(-tiere) in einer Welt aus Instinkten, Sinnesreizen, plötzlichen Gefühlsaufwallungen und momentanen Stimmungen und vor allem auch in einer Welt, die sich fast völlig auf die Gegenwart beschränkt und in der ein Vor- oder Nach-denken praktisch nicht möglich ist. Dinge wie Pflichtgefühl und Dankbarkeit kommen in dieser Welt gar nicht erst vor. All dies auf das Tier Hund zu projizieren stellt eine ungeheure Vermenschlichung dar. Und einen Hund aus solcher Vermenschlichung heraus wieder und wieder und für ihn unverständlich auszuschimpfen oder zu strafen in der falschen Annahme, er „wüßte ganz genau", ist ein trauriger und für den Hund im Grunde genommen schrecklicher Fehler.
Durch eine sorgfältige Ausbildung kann ein Hund tatsächlich lernen, ein bestimmtes Wort mit einer bestimmten Handlung zu verknüpfen. Daß dies überhaupt geht, ist für ein Tier schon eine ziemlich hohe Intelligenzleistung, denn menschliche Sprache und Worte sind ja etwas den Tieren völlig fremdes. Es braucht daher viele viele Wiederholungen in den verschiedensten Situationen, bis ein Hund ein (Kommando-)wort in dieser für ihn ganz fremdartigen Menschensprache gelernt hat. Und das Stadium, den eigentlichen Wortsinn zu verstehen, wird er trotzdem nie erreichen.
Da der Hund in einer sehr intensiven, sich von Augenblick zu Augenblick ändernden Gefühls- und Stimmungswelt lebt, kommt es außerdem darauf an, ihn für das Befolgen von Kommandos zu motivieren. D.h., daß er im Laufe einer vernünftigen Ausbildung auch lernt, beim Hören eines ihm bekannten Kommandos „automatisch" in die Stimmung zu kommen, es befolgen zu wollen. Dies geschieht bei einer modernen Ausbildungsmethode heutzutage bevorzugt und mit gutem Erfolg über positive Gefühle (also Belohnungen). Den Hund direkt nachdem er zurückgekommen ist auszuschimpfen erhöht jedenfalls ganz sicher nicht seine Motivation, demnächst schneller zu seinem Halter zurück zu kommen. Wie die Heerschar von Hunden beweist, die „ganz genau wissen", was z.B. „Komm" für sie bedeutet – nämlich nicht selten: „Spaß vorbei" und womöglich noch Schimpfe obendrein, wenn sie jetzt zu „ihrem" Menschen laufen...
Sabine Winkler