BHV-Ziel: Entwicklung tierschutzgemäßer Ausbildungsmethoden

28. April 2009

Interview von Chefredakteurin „Der Hund“, Susanne Kerl, mit dem 1. Vorsitzenden des BHV, Rainer Schröder, aus Zeitschrift „Der Hund“ Ausgabe 4/99

Professionell Hunde erziehen darf jeder, Gewerbeschein genügt – der Nachweis von Fachkenntnissen wird nicht verlangt. Die Orientierung ist für Hundebesitzer entsprechend schwierig. Welche Kriterien machen einen guten Ausbilder und eine ebensolche Hundeschule aus? Chefredakteurin Susanne Kerl sprach mit Rainer Schröder, 1. Vorsitzender des Berufsverbands der Hundeerzieher und Verhaltensberater e.V. (BHV).

Der Hund: Wie ist Ihr Verband strukturiert? Können Einzelpersonen oder Institutionen Mitglied werden? Welche Kriterien entscheiden über die Aufnahme?

BHV: Der BHV ist ein eingetragener Verein.
Mitglied kann jeder werden, der sich zu den Zielen der Satzung des Vereins bekennt und sich haupt- oder nebenberuflich in der Erziehung, Ausbildung oder Verhaltenstherapie von Hunden betätigt. Über die Aufnahme entscheidet der Vorstand. Anmerkung: Seit Oktober 2000 hat der Verband Weiterbildung zu einem Kriterium für die Aufnahme von Mitgliedern und den Erhalt der Mitgliedschaft gemacht. Das bedeutet: Wer ordentliches Mitglied im BHV werden möchte, muss zusätzlich an mindestens drei BHV-Weiterbildungsveranstaltungen teilgenommen haben. Ordentliche Mitglieder verpflichten sich, an mindestens zwei Weiterbildungsveranstaltungen innerhalb von zwei Jahren teilzunehmen, sonst erlischt ihre Mitgliedschaft. Diejenigen, die Ziele und Grundsätze des Vereins unterstützen möchten, aber die Voraussetzungen noch nicht erfüllt haben, können eine Fördermitgliedschaft beantragen.

Der Hund: Wie würden Sie die Zweckbestimmung Ihres Verbandes bezeichnen?

BHV: Zweck des Vereins ist die Pflege und Förderung der artgerechten und tierschutzgemäßen Zucht, Aufzucht und Erziehung, Haltung und Ausbildung von Hunden sowie des verhaltensgerechten Umgangs mit Hunden, Erarbeitung von Qualifikationsmerkmalen für das Berufsbild „Hundeerzieher und Verhaltensberater“, Beratung und Fortbildung der Mitglieder, Fördermitglieder und interessierter Gäste, Förderung harmonischer Zusammenarbeit und Austausch der Mitglieder untereinander, Entwicklung artgerechter und tierschutzgemäßer Erziehungs- und Therapiemethoden für Hunde sowie die Beteiligung an wissenschaftlicher Forschung von Caniden. Anmerkung: Der BHV bietet dreimal im Jahr Weiterbildungsveranstaltungen zu insgesamt 10 zentralen Themenbereichen an, seit 2001 zwei Seminare parallel pro Veranstaltung. Die Seminare sind für interessierte Gäste offen. Rund 100 Teilnehmer je Veranstaltung nutzen diese Möglichkeit der Fortbildung.

Der Hund: Tragen Ihre Leistungen einen gewerblichen Charakter, die gegen Gebühr erbracht wird?

BHV: Die Leistungen des Verbandes (Öffentlichkeitsarbeit, Mitgliederfortbildung u.a.m.) tragen keinen gewerblichen Charakter. Die Leistungen der Mitglieder (Hundeerziehung und Verhaltensberatung) sind gewerblicher Art.

Der Hund: Hundausbilder, Verhaltensberater oder Kynopädagoge sind weder staatliche Ausbildungsberufe noch geschützte Berufsbezeichnungen; folglich ist auch ihr Erlernen und das Tragen dieser Titel offiziell an keinerlei Auflagen oder Vorgaben bebunden. Strebt Ihr Verband eine Änderung dieser Tatsache an?

BHV: Wir halten gerade die Schaffung eines staatlich anerkannten Berufsbildes für außerordentlich wichtig. Dadurch wird für den Verbraucher, sprich Hundebesitzer, ein Qualitätsstandard garantiert. Anmerkung: Der BHV hat eindeutige Kriterien geschaffen, die die Qualifikation zum „Hundeerzieher und Verhaltensberater“ nachweisen können, und steht in Kontakt mit Organisationen zu deren Zertifikat. Hierbei vertritt er nicht ausschließlich die Interessen seiner Mitglieder, sondern setzt sich für alle Hundeerzieher und Verhaltensberater ein, deren Qualifikation diese Kriterien erfüllt. Innerhalb des BHV haben mittlerweile 7 Mitglieder die Qualifikation erreicht und das Zertifikat „Hundeerzieher und Verhaltensberater BHV“ erhalten.

Der Hund: Was macht in Ihren Augen einen guten Hundeausbilder bzw. eine gute Hundeschule aus?

BHV: Unserer Meinung nach zeichnet sich eine gute Hundeschule vor allem durch folgende Komponenten aus:

  • Training und Ausbildung sollten sich einerseits flexibel und individuell am Bedarf des Kunden – Hundebesitzer – orientieren und andererseits den rassebedingten unterschiedlichen Verhaltensmerkmalen der Hunde Rechnung tragen;
  • Moderne, wissenschaftlich fundierte und tierschutzgerechte Ausbildungsmethoden, wie sie schon seit geraumer Zeit im anglo-amerikanischen Raum Anwendung finden.

Der Einsatz von Schmerz erzeugenden Strafreizen ist weder art- noch tierschutzgerecht und außerdem auch nicht notwendig. Stachel- oder Würgehalsbänder sowie das Schütteln am Nackenfell sollten der Vergangenheit angehören. Es sind keine zeitgemäßen Erziehungsmethoden. Es hat sich übrigens in den letzten Jahren herausgestellt, dass die traditionellen Methoden der Hundeausbildung in vielen Fällen eher schädlich als nützlich sind. Das betrifft ganz besonders den augenblicklichen Umgang mit aggressivem Verhalten bei Hunden. Aus diesem Grund ist eine besonders lange Tätigkeit als Hundetrainer nicht unbedingt ein Gütesiegel, es sei denn, der oder die Betreffende hat sich entsprechend weitergebildet und kann das auch nachweisen.

Der Hund: Neben den gewerblichen Anbietern gibt es ja – etwa auf Vereinsebene – auch nichtprofessionelle Hundeausbilder. Wie stehen Sie zu diesen?

BHV: Die Arbeit von nicht gewerblich tätigen Hundeausbildern lässt sich nicht pauschal beurteilen. Ausschlaggebend sind die eben genannten Kriterien.

Der Hund: Hundeausbildung bewegt sich in der Regel zwischen den Aspekten „neues (erwünschtes) Verhalten beibringen“ und „altes (unerwünschtes) Verhalten abgewöhnen“. Welches sind die häufigsten Erziehungs- und Ausbildungswünsche von Hundebesitzern?

BHV: Im Augenblick beziehen sich die häufigsten Ausbildungswünsche der Hundebesitzer auf folgende Problemstellungen: Der Hund kommt nicht auf Ruf, zieht an der Leine, rauft mit anderen Hunden, jagt/wildert auch Jogger, Radfahrer usw., springt/bellt Menschen an, hat eventuell schon mal gebissen, kann nicht allein bleiben in Wohnung/Auto (zerstört, bellt, usw.)

Der Wandel der Mensch-Hund Beziehung hin zum Hund als Sozialpartner des Menschen bringt es jedoch zunehmend mit sich, dass immer mehr Hundehalter einen verhaltensgerechten Umgang mit dem Hund erlernen möchten, auch wenn noch keine Verhaltensprobleme aufgetreten sind.

Die moderne Hundeerziehung trägt dem durch das Angebot von Informationen vor dem Hundekauf, Welpenspielstunden und Kursen zur Grunderziehung junger Hunde Rechnung.

Dies ist ein wesentlich sinnvollerer Ansatz, als der traditionell übliche Ausbildungsbeginn im Alter von einem Jahr.

Der Hund: Wo setzen Sie Grenzen für die Erfüllung von Ausbildungsanfragen?

BHV: In der Ausbildung von Hunden werden Grenzen durch mangelnde Mitarbeitsbereitschaft des Hundebesitzers, durch Überforderung der Fähigkeiten des jeweiligen Hundes sowie durch Kundenwünsche, die sich mit einem angemessenen Umgang mit dem Hund nicht vereinbaren lassen (z.B. Schutzhundeausbildung für Familienhunde) gesetzt.

Der Hund: Zum Teil wird der Hund ohne Beisein bzw. Zutun des Besitzers ausgebildet, zum Teil überlässt der Ausbilder dem Hundeführer allein die didaktischen Einwirkungen und zieht sich ganz aus dem Geschehen zurück. Wie beurteilen Sie die verschiedenen Ansätze?

BHV: Um auf Dauer ein erfolgreiches Zusammenleben von Mensch und Hund zu erreichen, sollte zusammen mit dem Hund und Besitzer gearbeitet werden. In Ausnahmefällen, wo das nicht möglich ist, wie z.B: bei Servicehunden (Behindertenbegleithunden) muss eine ausreichende Einarbeitung des Hundehalters gewährleistet sein.

Der Hund: Kann Hundeausbildung erfolgreich sein, ohne dem Hundeführer auch das theoretische Hintergrundwissen zu vermitteln?

BHV: Nein!

Der Hund: Hilfsmittel bei der Hundeausbildung sind in der Kritik – auch des Gesetzgebers – geraten und werden heftig diskutiert. Wie steht Ihr Verband zum umstrittenen Einsatz von Stachelhalsband, E-Gerät & Co. und weiteren Hilfsmitteln wie etwa dem Halti?

BHV: Wir befürworten den Einsatz moderner Erziehungshilfsmittel, wie z.B: Halti, Trainingsdiscs, etc.

Die Frage nach „E-Gerät & Co.“, sprich ferngesteuerten oder selbstauslösenden Ausbildungshilfsmitteln, lässt sich nicht pauschal beantworten. Die Anwendung muss für jedes dieser Geräte und für jede spezielle Ausbildungssituation gesondert entschieden werden. Anmerkung: Diese Sachfrage wird derzeit im Ausbildungsrat diskutiert.

Der Hund: In welche Richtung wird sich Ihrer Ansicht nach das Ausbildungs- und Hundeschulwesen zukünftig entwickeln?

BHV: Weg von der traditionellen Hundeausbildung, die überwiegend Schmerz- und Strafreize anwendet; hin zu einer bereits im Welpenalter beginnenden Hundeerziehung, die konsequent auf der Anwendung positiver Verstärkung beruht.