Hunde für Handicaps - Der Weg vom Welpen zum Assistenzhund Teil 2

Das erste Jahr im Leben eines zukünftigen Assistenzhundes!

Der gemeinnützige Verein „Hunde für Handicaps e. V.“ bildet für Menschen mit Behinderung Hunde zu Assistenzhunden aus und unterstützt Hundehalter bei der Ausbildung und Prüfungsvorbereitung ihrer Assistenzhunde.

In der letzten Ausgabe der Zeitschrift „Der Familienhund“ berichtete ich davon, nach welchen Kriterien wir unsere zukünftigen Assistenzhunde auswählen, und stellte unseren jüngsten Vereinshund, „Rigo“, vor. Rigo, der kleine, knuffige schwarze Labradorwelpe ist mittlerweile ein hübscher Junghund geworden, der schon viel gelernt hat.

Obwohl unsere Hunde später einmal Assistenzhunde werden sollen, verbringen sie ihr erstes Lebensjahr wie ganz normale Familienhunde und lernen das, was für einen unkomplizierten Alltag mit ihnen wichtig ist.

In den ersten Tagen nach Einzug eines Welpen passiert an sich noch nicht viel: „Er läuft halt so mit“. Das heißt, er verbringt den Tag in seiner Familie und soll noch etwas Ruhe haben, um anzukommen. Und er muss sich an das gewöhnen, was für ihn Alltag sein wird: Die tierischen und menschlichen Familienmitglieder, das neue Zuhause, Geräusche im Haushalt, neue Gerüche und so weiter.

Auch beginnt ab dem Moment des Einzugs schon das Training. Dazu gehört die Stubenreinheit: Die Hunde sollen lernen, sich draußen zu lösen und sich bemerkbar zu machen, wenn sie doch einmal unplanmäßig dringend raus müssen.

Genauso wichtig ist die Beißhemmung. Hier lernen die Welpen, mit ihren Zähnen vorsichtig umzugehen. Gerade für unsere Hunde ist es wichtig, dass sie früh lernen, mit Menschen sensibel zu sein und nicht vor lauter Aufregung in die Finger zu beißen.

Für Rigo ist das Training von Stubenreinheit und Beißhemmung längst kein Thema mehr. Zuverlässig weckt er mich auch nachts aus tiefem Schlaf, wenn er doch mal Durchfall hat und dringend raus muss.

Dann steht die Gewöhnung an die belebte und die unbelebte Umwelt auf dem Programm. Die intensive Zeit der Sozialisierungsphase geht bei Hundewelpen etwa bis zur 10. Lebenswoche. Die kurze Zeitspanne muss gut genutzt werden. In dieser Zeit ist es gut und wichtig, den Welpen an viele verschiedene Situationen, Umweltmuster, Geräusche, Gerüche, Menschen und Tiere zu gewöhnen. Natürlich kann man einen Hund auch später noch gewöhnen – in der Sozialisationsphase ist es aber deutlich leichter.

Rigo hat in den ersten Wochen vieles kennengelernt: Wir waren am Hauptbahnhof, am Flughafen, im Einkaufszentrum, in der Fußgängerpassage, an stark befahrenen Straßen, im Zoo, in Wald und Feld, haben uns Baustellen angesehen, sind Bus und S-Bahn gefahren, haben uns viele verschiedene Menschen angeguckt, Freunde mit Kindern besucht, verschiedene Untergründe kennengelernt – um nur eine Auswahl zu nennen.

Auf der einen Seite ist es wichtig, dem Welpen viel zu zeigen, um aus ihm einen entspannten und sicheren Hund zu machen. Auf der anderen Seite gibt es aber einen Faktor, den man nicht aus den Augen lassen darf, nämlich, dass der kleine Hund ein Baby ist. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass, wenn man zu viel macht, zu viel trainiert, zu ehrgeizig dem Hund jeden Mensch und jeden Vogel schmackhaft macht, man häufig genau das Gegenteil von dem erreicht, was man eigentlich möchte. Mal abgesehen davon, dass ein Welpe noch nicht so viel am Stück laufen soll, hätte man möglicherweise schnell einen sehr aufgeregten, hoch sensibilisierten Hund, der 24 Stunden am Tag im „Arbeitsmodus“ ist und keine Ruhe findet.

Ich versuche immer, das Sozialisierungsprogramm wie Alltag wirken zu lassen. Das bedeutet, dass wir uns einen Ort (beispielsweise das Einkaufszentrum) suchen und ich den Welpen dorthin trage und dass wir „bummeln“ gehen: Wir schlendern im Wechsel aus Gehen und Getragenwerden, und irgendwo setzen wir uns dann gemütlich auf eine Bank und beobachten das Treiben.

Generell lebe ich einfach meinen Alltag und nehme die Welpen überallhin mit. In den ersten Wochen trage ich die Hundebabys noch sehr viel. Nicht dass sie nicht selber laufen könnten – vielleicht nicht so viel –, laufen würden sie ganz prima, aber ich möchte, dass sie lernen, geduldig zu sein, entspannt auf meinem Arm zu hängen und bei mir zu bleiben. Auch möchte ich sie früh an einen unaufgeregten Körperkontakt mit dem Menschen gewöhnen.

Unser Rigo hat das schon alles hinter sich. Jetzt ist er mir zum Tragen definitiv viel zu schwer und im Kuscheln ist er bereits ein Profi . In den letzten Monaten hat er gelernt, ordentlich an der Leine zu laufen, zurückzukommen, wenn er gerufen wird, liegen oder sitzen zu bleiben und zu warten, Dinge, die er im Maul hat, auszuspucken oder Spannendes gar nicht erst vom Boden aufzunehmen.

Aktuell arbeiten wir weiter an der „Bordsteinsicherheit“. Unsere geprüft en Assistenzhunde laufen viel ohne Leine. Daher ist es wichtig, dass sie schon früh lernen, an Bordsteinkanten anzuhalten und ausschließlich auf Signal über die Straße zu gehen.

Es versteht sich von selbst, dass auch bei den ausgebildeten Hunden der Assistenzhundehalter immer umsichtig und achtsam mit seinem Hund im Straßenverkehr unterwegs ist, denn auch ein Assistenzhund ist ein Tier und keine Maschine. Es hilft aber ungemein, wenn die Hunde schon eine große Motivation aufgebaut haben, auf dem Bürgersteig zu bleiben, und die Bordsteinkante als Begrenzung wahrnehmen.

In den nächsten Monaten werde ich mit Rigo ganz in Ruhe alles Gelernte immer weiter festigen. Er wird mich weiterhin im Alltag begleiten und so hoffentlich gut vorbereitet auf die Ausbildung sein. Ob er jedoch geeignet sein wird und tatsächlich seine spezialisierte Ausbildung zum Assistenzhund antreten kann, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht zu sagen.

Bordsteintraining1 Fotograf Anna Senkel

An der Bordsteinkante muss der Hund selbstständig anhalten. Zu seiner eigenen Sicherheit.

Die Eignungsprüfungen

Wenn unsere Hunde ca. 12-15 Monate alt sind, gehen sie in die Eignungsüberprüfungen. Diese bestehen aus drei Teilen:

1. Gesundheitsüberprüfung

Bei der Gesundheitsüberprüfung werden die Hunde umfassend untersucht. Hunde, die gesundheitliche Probleme haben, wie eine schlechte Hüfte, eine Allergie, eine Erkrankung der inneren Organe, fallen aus der Ausbildung heraus.

2. Stadtgang

Der Stadtgang soll eine möglichst alltagsnahe Überprüfung sein, bei der auf einem Stadtspaziergang unterschiedliche Umweltmuster aufgesucht werden. Überprüft wird, wie der Hund sich in einer belebten Fußgängerzone verhält oder beim S-Bahnfahren, wie er sich im Freilauf anderen Hunden und auch fremden Menschen gegenüber verhält, ob er Jagdverhalten zeigt, ob er ängstlich oder gestresst reagiert, wenn plötzlich ein Bus oder ein LKW an ihm vorbeirauscht.

3. Standardisierter Eignungstest

Hier wird in ca. 20 verschiedenen Testsituationen versucht, möglichst nur einen oder zumindest wenige Reize auf einmal zu überprüfen. Beispielsweise kann es sein, dass man im Stadtgang einen betrunkenen Mann trifft, der taumelnd vor sich hin brüllt. Wenn der Hund jetzt bellt, ausweicht oder sich aufgeregt, kann man nicht sagen, auf welchen Reiz der Hund eigentlich reagiert hat und welcher Reiz das Verhalten ausgelöst hat. War es der Alkoholgeruch? Das Taumeln? Das Gebrüll? Oder hat der Hund möglicherweise Schwierigkeiten mit Männern? In unserem standardisierten Test können wir die Reize einzeln überprüfen und so feststellen, wo die Stärken und Schwächen des einzelnen Hundes liegen.

Diese drei Überprüfungen sind sozusagen das „Vordiplom“. Hier entscheidet sich, ob die nun einjährigen Hunde sowohl vom Verhalten als auch von der Gesundheit her überzeugen und mit ihrer Ausbildung zum Assistenzhund beginnen können.

Und obwohl wir jeden unserer Welpen gründlich auswählen und unsere Hunde ein Jahr lang mit größter Mühe und Sorgfalt aufziehen, sind nur ca. 40–50 % am Ende tatsächlich für den „Job“ geeignet.

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An verschiedenen Positionen zu laufen, hilft im Alltag an vielen Stellen. Hinter dem Menschen ist es dann sicher, wenn der Weg eng ist.

Unsere Hunde Pitu und Pluto haben im letzten Jahr ihre Eignungsüberprüfungen absolviert und konnten beide in die Ausbildung starten. Während Pitu in den letzten sechs Monaten für den Ausbildungsweg der „Fremdausbildung“ vorbereitet wurde und einen großen Teil der Hilfeleistungen schon vor der Zusammenführung mit „ihrem Menschen“ gelernt hat, wurde Pluto bereits mit seiner Halterin eingeschult. Angela, ein langjähriges Mitglied von Hunde für Handicaps, und Pluto passen perfekt zusammen. Sie werden gemeinsam den Weg der „Selbstausbildung nach Patenprogramm“ gehen. Im nächsten Jahr wird Angela, mit Unterstützung unserer Trainerin Kerstin Gerke, Pluto ausbilden und ihn auf die Assistenzhundteamprüfung vorbereiten.

Aber nicht nur die Hunde aus dem Patenprogramm werden auf ihre Eignung überprüft . Auch die Selbstausbilder stellen vor Beginn der Ausbildung ihre Hunde zum Test vor. Wie in der letzten Ausgabe von „Der Familienhund“ geschrieben, trainiert „Hunde für Handicaps“ auch Menschen mit Handicap, die bereits einen Hund halten. Um die Ausbildung zum Assistenzhund zu beginnen und auf die Assistenz-hundteamprüfung vorbereitet zu werden, müssen auch die Hunde der Selbstausbilder die Eignungsüberprüfungen bestehen. In diesem Jahr werden mindestens zwei unserer langjährigen Mitglieder mit ihren Nachwuchshunden am Eignungstest teilnehmen. Genau wie ich mit meinen Welpen geben auch sie sich große Mühe, ihre Hunde optimal auf ein Leben als Assistenzhund vorzubereiten.

Mehr über den Verein „Hunde für Handicaps“ gibt es unter: www.hundefuerhandicaps.de

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annarigo Hunde für Handicaps.A.SenkelZur Person

Anna Senkel ist Mitglied im Ausbildungsrat des BHV e. V. und Inhaberin der „Hundeschule am Rettershof“. Als 2. Vorsitzende und Trainerin des Vereins Hunde für Handicaps e. V. ist sie zuständig für Auswahl, Aufzucht und Ausbildung der Vereinshunde. Zudem prüft sie Blindenführhundgespanne und ist Prüferin für den BHV-Hundeführerschein.

Kontakt
www.hundeschule-rettershof.de

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