Stellungnahme: BHV verurteilt tierschutzwidrige Trainingsmaßnahmen

22. Dezember 2012

Im Internet sorgt derzeit unter Hundefreunden ein Videoclip (zu sehen unter http://youtube/HrPBKbXuowE) für teils sehr erregte Diskussionen. Dabei ist zu sehen, wie ein Schäferhund von einem Trainer mit einem metallenen Futternapf heftig auf dem Kopf geschlagen wird, als er in einer gestellten Situation mit Maulkorb versehen versucht, eine Person zu attackieren. Inzwischen wurde durch Stellungnahmen der daran beteiligten Personen (Michael Grewe und Frank Fass) bekannt, dass das Video 2009 während eines Canis-Ausbildungsworkshops für angehende Hundetrainer aufgenommen wurde. Das harte Vorgehen wird von Herrn Grewe in seiner Stellungnahme damit begründet, dass der Schäferhund bereits „etliche Hundeschulen“ durchlaufen hatte, derzeit zur Diskussion stand, ob er eingeschläfert werden müsse und die Halterin den Hund nach dem Training „bei sich behalten und gefahrloser managen“ konnte. Die Szene sei außerdem aus dem Zusammenhang gerissen und das Vorgehen könne daher aufgrund des kurzen Filmausschnittes gar nicht beurteilt werden. Aus Sicht des Berufsverbandes der Hundeerzieher und Verhaltensberater e. V. (BHV) kann diese Begründung jedoch eine solche „Trainingsmaßnahme“ auf keinen Fall rechtfertigen, und zwar weder aus fachlicher Sicht noch unter dem Aspekt des Tierschutzes. 

Der Tierschutzaspekt ist allein schon am Ausdrucksverhalten des Hundes offensichtlich: Der Hund ist schon vor der gestellten Situation, die zum Schlag mit der Schüssel führt, stark verunsichert und gestresst. Er strebt schutzsuchend zur Besitzerin, was ihm aber verwehrt wird. Durch die Leine und „Korrekturen“ des Trainers ist ihm auch die Möglichkeit genommen, sich eventuell zurückzuziehen. Auf den Schlag reagiert er mit einem Aufjaulen und panischen Fluchtversuchen, die wiederum die Leine verhindert. Danach und bei einer weiteren Annäherung der Hilfsperson (die er nun nicht mehr zu attackieren wagt) sieht man starke Stresszeichen und eine geduckte Haltung. Bei all dem sind der Stresspegel und die Ausweglosigkeit für den Hund als weitaus kritischer zu bewerten als der zu vermutende Schmerz durch den Schlag.  

Folgt man der Argumentation von Herrn Grewe, wäre all das in Kauf zu nehmen, da das Problemverhalten des Hundes sehr schlimm war, alle anderen Maßnahmen versagt hatten und es die einzige Chance für den Hund war, weiter zu leben. Zudem habe die Maßnahme doch Erfolg gebracht. Tatsächlich sind genau dies die Standardargumente für den Einsatz von Gewalt und zwar nicht nur im Hundebereich. Denkt man sie konsequent zu Ende, vermitteln sie ein niederschmetterndes Weltbild, nämlich dass Gewalt legitim ist, man manche Probleme nur mit Gewalt lösen kann und der Zweck die Mittel heiligt. 

Aus fachlicher Sicht ist die gezeigte „Trainingsmaßnahme“ schlichtweg ein Kunstfehler. Auch deshalb ist es besonders erschreckend, dass die Trainingsmethode im Rahmen einer Ausbildung angehender Hundetrainer gezeigt wurde.

Der Schlag auf den Kopf stellt zweifellos aus lernpsychologischer Sicht eine Strafe dar. Es ist wissenschaftlich gut untersucht, unter welchen Bedingungen Strafe als Trainingsmittel optimal wirkt und wann sie vorhersehbar praktisch nutzlos bleiben wird. Um ihre Wirkung gut zu entfalten muss eine Strafe
  • möglichst beim ersten Mal erfolgen, bei dem der Hund das zu strafende Verhalten zeigt. Dies ist nicht gegeben, denn der Hund hatte schon mehrfach gebissen/angegriffen.
  • hart genug sein, so dass der Hund sein Verhalten sofort abbricht. Das ist nicht gegeben, denn der Schäferhund bellt nach dem Schlag weiter die Hilfsperson und den Trainer an und beruhigt sich erst, als der Trainer seine Drohhaltung einstellt und den Hund beruhigt. 
  • konsequent jedes Mal erfolgen, wenn der Hund das betreffende Verhalten zeigt. Damit das gegeben ist, müsste die Besitzerin und eventuelle weitere Betreuungspersonen selbst weiter so mit dem Hund verfahren und auch im Alltag jederzeit bereit und in der Lage sein, ihn so hart zu strafen wie in dem Video, wenn er sich wieder so verhalten sollte. Dies ist aber normalerweise für Hundehalter nicht machbar. 

Dazu kommt, dass Hunde sehr situationsgebunden lernen. In der im Video gezeigten Situation wird vom Hund unter Umständen alles mit verknüpft: der Trainer, der Napf in der Hand, die Leine, der Maulkorb, die Zuschauer, die bestimmte Hilfsperson in der besonderen Kleidung usw. D.h. er lernt zunächst nur, sein Problemverhalten in dieser ganz bestimmten Situation zu unterlassen. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass es zu Rückfällen kommt, wenn z.B. der Trainer nicht mehr dabei ist. Damit die Strafmaßnahme nachhaltig wirkt, muss sie also in aller Regel mehrere Male, vielleicht viele Male, wiederholt werden. Falls ein solcher Trainingsansatz überhaupt dauerhaft Erfolg bringen würde, dann nur um den Preis einer so genannten „erlernten Hilfslosigkeit“, ein Zustand, der einer Depression ähnelt, was wiederum dem Tierschutzgedanken krass widerspricht.

Damit ist das Argument, dass man dem Hund ja nur ein einziges Mal Leid zufügen muss und er dann aber „geheilt“ ist, hinfällig. Die Verhältnismäßigkeit ist außerdem nicht gegeben, da Herr Grewe in seiner Stellungnahme nicht von einem völligen Erfolg berichten kann, sondern nur davon, dass die Halterin den Hund „gefahrloser managen“ konnte. Vor dem Hintergrund, dass leider Hunde, die mehrfach gebissen haben, tatsächlich manchmal nie wieder ganz sicher gemacht werden können und daher lebenslang des Managements bedürfen, scheint dieser Erfolg nicht übermäßig beeindruckend. Ebenso gut hätte es auch sein können, dass das gezeigte Training das Problem deutlich verschlechtert, denn so behandelte Hunde werden aus einer Mischung aus Angst und der Tendenz, sich zu wehren, nicht selten vollends unberechenbar. 

Ist es nun, wie Herr Grewe argumentiert, unfair, die Filmszene zu beurteilen, ohne den Rest des Trainings gesehen zu haben? Vielleicht wurde ja ansonsten überwiegend mit gewaltfreien Maßnahmen trainiert, auch wenn das aufgrund der Reaktion des Hundes und seines Ausdrucksverhaltens eher unwahrscheinlich erscheint. Doch selbst in dem Falle ist die gezeigte Trainingsmaßnahme als Fehler zu bewerten, denn den Hund dermaßen zu stressen ist völlig unverhältnismäßig und würde erfahrungsgemäß auch im Rahmen eines angemessenen Trainingsplans eher zu Rückschritten führen oder aber gar nicht erst notwendig werden.  

Auch das Argument, dass man bei dem Hund schon alles versucht habe ist nicht stichhaltig, ehe nicht ausführlich dargelegt wird, welche anderen Trainingsmaßnahmen wie genau und wie lange vorher versucht wurden. Denn leider kann man auch das Pech haben, an mehrere inkompetente Hundeschulen hintereinander zu geraten. Dass moderne, korrekt angewandte, gewaltfreie Trainingsmethoden völlig versagen, widerspricht jedenfalls jeglicher Erfahrung, es sei denn es handelt sich um ein rein medizinisches Problem.
Der BHV verurteilt daher die in dem Video gezeigten Trainingsmaßnahmen scharf. Er ruft aber auch gleichzeitig zu sachlicher Kritik auf. Hasstiraden und Drohungen übers Internet sind in unseren Augen ebenso inakzeptabel wie manche Hundetrainingsmethoden.
Waldems, 22. Dezember 2012 - BHV-Vorstand
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