Das Team gewinnt

13. August 2012

BHV-Dummyprüfung am 27.05.2012 in Lindlar

Descartes kann es kaum erwarten. Obwohl ich etwa 20 Meter weit weg stehe, habe ich das Gefühl, die Anspannung des blonden Labradoodles bis hierhin spüren zu können. 60 Schritte von Descartes entfernt wird vor seinen Augen ein Dummy durch die Luft geworfen. Ein schneller Blickkontakt zu seinem Menschen. Der Hund bleibt sitzen, wo er ist.

Jetzt dreht Hundehalterin Anette Knobloch sich langsam um und deutet Descartes, weiterhin an ihrer Seite zu bleiben. Verstehen kann Descartes dieses Verhalten sicher nicht, aber er vertraut Anette. Er vertraut ihr auch, als sie ihn jetzt losschickt, zum Suchen – und zwar in die entgegengesetzte Richtung in der er eben einen Dummy fallen sah. Descartes läuft los. Anette pfeift und zeigt nach links. Okay, weiter links. Wieder ein anderer Pfiff: Voraus. Dann der Suchpfiff – viele kurze Pfiffe, das heißt, hier irgendwo muss ein Dummy liegen. Descartes zieht kleine Kreise auf der Wiese, die Nase knapp über dem Boden. Er findet den Dummy, nimmt ihn auf und dann ertönt der Rückpfiff und der Ruf: „Apport, super, mein Großer.“

Descartes bringt seiner Anette den Dummy, setzt sich und wartet, bis sie ihn übernommen hat. Dann Drehen sich beide in die entgegengesetzte Richtung und Anette ruft: „Apport!“ – und das lässt sich Descartes nicht zweimal sagen und rennt über das Gelände zu der Stelle, wo vorhin der Dummy geworfen wurde. Auch den apportiert der Labradoodle vorbildlich und dann freuen sich die beiden wie verrückt – ich könnte wirklich nicht sagen, wer glücklicher ist, Anette oder ihr Descartes. Es ist auch nicht so wichtig. Wichtig ist, sie haben gemeinsam eine Prüfungsaufgabe bei der Dummyprüfung  Stufe 2 bestanden, „blindes Einweisen mit Verleitung“, nennt sich das im Prüfungsjargon.

 

Ein vielseitiger Sport für alle Rassen

 das-team-gewinnt_1Das ist für Descartes und Anette möglich, weil der Berufsverband der Hundeerzieher und Verhaltensberater (BHV) e.V. letztes Jahr eigene Dummyprüfungen entwickelt hat, drei Stufen gibt es. Conny Harms, die heute in Lindlar mit Anke Kolb die Prüfung abnimmt, erklärt mir, warum der BHV das getan hat: „Die bislang verfügbaren Dummyprüfungen standen ausschließlich Retrievern und anderen Jagdhunderassen offen und auch nur denen, die bei den jeweiligen Vereinen zugelassen sind, also den Zuchtstandards entsprechen. Kunden unserer Hundeschulen, die Hunde anderer Rassen oder Mischlinge haben, möchten wir den Zugang zu diesem Sport ebenfalls ermöglichen. Wir setzen den Schwerpunkt auf eine sportlich ambitionierte Prüfung, die Hunden und Haltern Spaß macht - unser Ziel ist nicht die Jagdtauglichkeit. Dummyarbeit ist eine so geniale Sportart, eine tolle Art der Auslastung für Hunde aller Rassen, die wir keinem vorenthalten möchten, nur weil der Hund nicht die richtige Rasse hat.“ So wie Descartes.  Als Mix aus einem Labrador und einem Pudel, hätte er ohne die BHV-Prüfung keine Chance gehabt zu beweisen, dass er Dummyarbeit hervorragend beherrscht. Heute ist er sogar bei einer Premiere dabei: Hier in Lindlar zum erstem Mal die BHV-Dummyprüfung Stufe 2 abgenommen.

 

Zweimal gibt’s eine zweite Chance

das-team-gewinnt_3 das-team-gewinnt_2Auch  Labradorhündin Marla, die heute geprüft werden soll, hatte ohne den BHV keine Chance zur Dummyprüfung, sie gehört zwar zur richtigen Rasse, hat aber nicht die richtigen Papiere. Dabei hat Marla Stufe 1 letztes Jahr sehr gut geschafft, aber heute … „Sie war in letzter Zeit krank“, erklärt die Halterin Sonja Wissmann der Prüferin, „ich weiß noch gar nicht, ob wir teilnehmen sollen.“ Die Entscheidung nimmt  Prüferin Conny Harms ihr schnell ab: „Ihr habt bezahlt, und deine Hündin, sieht aus, als wolle sie arbeiten.“ Marla bellt auffordernd, damit ist wohl alles gesagt. Auf geht‘s zum „blinden Einweisen auf 30 Schritte Distanz“.

Sonja und Marla gehen zur Startmarkierung, 30 Schritte entfernt haben Helfer einen Dummy versteckt, den die Hündin nicht sehen kann, aber Sonja, weiß, wo er ist. Der Start sieht elegant aus, doch irgendwie kommt Marla immer wieder vom richtigen „Weg“ ab. Eine ganz bestimmte Stelle scheint sie magisch anzuziehen, um dort zu  schnüffelt. „Hier wurde heute früh bei der Prüfung Stufe 1 mit Leckerchen gearbeitet“, flüstert eine der Helferinnen. „Ich setze einen Joker“ ruft auf einmal Sonja. „Okay“, sagt Prüferin Conny, „aber wir geben ihr eine Spaßmarkierung, damit sie nicht frustriert vom Platz geht“. Joker? Spaßmarkierung? Ich verstehe gerade gar nichts. Da fliegt die Spaßmarkierung durch die Luft, ein Dummy, zu dessen Flug eine Pfeife ertönt, die Enten nachahmt. „Apport!“ ruft Sonja und Marla rennt los, sucht, findet und apportiert den Dummy, als wäre das ein Kinderspiel. „Jedes Team hat die Möglichkeit, bei zwei Aufgaben einen Joker einzusetzen, das heißt, Hund und Halter bekommen eine zweite Chance“, erklärt mir Conny Harms. Marla und Sonja nutzen diese Chance, nach ihren Startschwierigkeiten klappen alle anderen Prüfungsaufgaben auf Anhieb gut und dank des Jokers meistern sie am Schluss auch das „Blinde Einweisen“. Man hört richtig, wie Sonja der Stein vom Herzen fällt – und nicht nur ihr, auch die anderen Prüfungsteilnehmer, die hinter mir stehen, Applaudieren begeistert. Keine Spur von Neid oder Konkurrenz. Auf niemand. Die kleine fuchsrote Labradorhündin Jette ist heute zweifelsohne die Beste auf dem Feld und alle freuen sich über ihren Erfolg.

 

Es ist Arbeit, aber es soll auch allen Spaß machen

das-team-gewinnt_4 „Dummyarbeit, wie wir sie trainieren, ist auch immer Teamarbeit - damit meine ich das gesamte Team eines Kurses“, sagt Anette Knobloch, die nicht nur Prüfungskandidatin, sondern auch Trainerin aller Prüflinge ist. „Wir wollen unser Können messen, ohne dabei vor lauter Prüfungsstress den Spaß an der Arbeit zu verlieren.“ Unfreiwillig demonstriert sie bei der letzten Übung, was sie meint. Descartes und Anette haben die Aufgabe „Markierung als Memory“  wunderbar gemeistert, nun fehlt nur noch die Übergabe des Dummys – Descartes sitzt noch nicht ganz, da zuckt Anettes Hand vor und gleich wieder zurück, sie war wohl zu früh dran. Doch das Zurückzucken hilft nun auch nicht mehr. Descartes hat das Signal gesehen und lässt den Dummy los - und der fällt zu Boden. „Dein Hund war gut“, kommentiert Prüferin Conny Harms die Szene, und da müssen alle lachen, auch Anette. Auch dieses Team bekommt seine zweite Chance und besteht die BHV-Dummyprüfung Stufe 2. Und dann wird gefeiert. Die Hunde dürfen spielen und tollen so ausgelassen herum, als wären auch sie erleichtert und froh - in jedem Fall: So macht das Leben Spaß.

das-team-gewinnt_5Ich bin schwer beeindruckt. Vor allem über die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Hund - toll! Und ich überlege, ob ich es vielleicht auch einmal mit meinem Hund versuchen sollte, der mir bislang apportierte Gegenstände etwas respektlos vor die Füße knallt - nun, er ist ein Malamute, da ist das wohl zu verzeihen. Aber dennoch - reizen würde es mich und dank der Dummyprüfungen beim BHV wäre es immerhin möglich, sogar für Malamuten und für alle anderen Rassen und Mischlinge. Heute früh haben schließlich auch ein Bordercollie und eine Neufundländerhündin die Dummyprüfung Stufe 1 bestanden. „Die Neufundländerhündin apportiert wie ein großer Langhaarlabrador“, sagt Prüferin Conny Harms lachend. Na bitte, es geht also.

 

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