Keine Angst vorm Doktor - Entspannte Behandlung durch Medical Training

28. November 2020

Lässt Ihr Hund sich von Ihnen problemlos und gerne Zecken entfernen, die Krallen schneiden, Tabletten eingeben, bürsten und baden? 

Springt er beim Tierarzt fröhlich auf den Tisch und bleibt dort stehen, um seine Impfung zu bekommen? Und nimmt er auf Signal Positionen ein, die es Ihnen erlauben, kleine Wunden zu inspizieren und zu versorgen, und hält er entspannt so lange still, bis sie fertig sind? Wenn Sie diese Fragen mit Ja beantworten können, haben Sie und Ihr Hund höchstwahrscheinlich Medical Training absolviert. Antworten Sie mit Nein? Dann wird es höchste Zeit für Medical Training!

Was ist Medical Training?

Unter Medical Training versteht man das gezielte Vorbereiten von Tieren auf alle Handlungen und Erfahrungen, die sie im Zusammenhang mit tierärztlichen oder pflegerischen Maßnahmen erleben können. Außerdem beinhaltet Medical Training die bewusste Anwendung der Gesetze der klassischen und operanten Konditionierung während solcher Maßnahmen mit dem Ziel der Stressminimierung und -vermeidung.

Kurz gesagt werden Tiere durch Medical Training so trainiert, dass sie gerne und freiwillig bei medizinischen Untersuchungen und Behandlungen sowie bei allen Maßnahmen ihrer Pflege kooperieren. Im Bereich der Zoo- und Wildtierhaltung wird diese Art des Trainings schon lange durchgeführt, um große und für den Menschen potenziell gefährliche Tiere gefahrlos pflegen und behandeln zu können. Um einem untrainierten Tiger Blut abzunehmen, muss er in Narkose gelegt werden, damit er weder wegläuft noch Menschen verletzt. Hat er gelernt, dass er gutes Futter bekommt, wenn er sich auf Signal nah ans Gitter legt und stillhält, während sein Schwanz durch das Gitter nach draußen gezogen, ein Stauschlauch angelegt und Blut abgenommen wird, so ist eine Blutentnahme auch ohne Narkose möglich. Ist der Tiger entsprechend trainiert, können alle notwendigen medizinischen und pflegerischen Prozeduren durchgeführt werden, ohne dass Zwangsmaßnahmen oder Narkosen nötig sind, solange sie nicht hochgradig schmerzhaft sind.

Was mit Tigern trainiert wird, lässt sich selbstverständlich auch mit Hunden trainieren! Doch in der Realität haben die meisten Hunde starken Stress beim Tierarzt und müssen bei Untersuchungen und Behandlungen festgehalten werden. Nicht wenige Hunde zappeln, versuchen zu fliehen oder zeigen gar Aggressionsverhalten wie Schnappen oder Beißen. Und auch bei der Pflege zu Hause entsteht für viele Hund-Halter-Paare Stress, wenn Baden oder Bürsten auf dem Programm stehen.

Warum haben so viele Hunde Stress beim Tierarzt und bei Pflegemaßnahmen?

Selbst Hunde, die noch keine schmerzhaften Erfahrungen beim Tierarzt gemacht haben, haben häufig Angst vor dem Tierarzt. Das gilt auch für Hunde, die im normalen Leben eher stressresistent und schmerzunempfindlich sind. Mancher Terrier überschlägt sich beim übermütigen Spiel mit einem Hundekumpel, steht auf, schüttelt sich und spielt weiter. Warum sitzt derselbe Hund im Wartezimmer der Tierarztpraxis zitternd unter dem Stuhl seines Besitzers, wenn er geimpft werden soll, und verschwindet beim Anblick der Bürste unter dem Bett?

Medizinische und pflegerische Maßnahmen sind in vielen Fällen unangenehm bis leicht schmerzhaft. Außerdem beinhalten sie oft eine für den Hund bedrohliche Körpersprache des Menschen, weil der Mensch die Individualdistanz des Hundes unterschreitet, sich über den Hund beugt oder ihn anstarrt. Werden solche Maßnahmen, wie in der Realität üblich, einfach durchgeführt, ohne vorher erwünschtes Verhalten zu trainieren oder den Hund wenigstens während der Maßnahmen fürs Stillhalten zu belohnen, verknüpft der Hund das dadurch ausgelöste unangenehme Gefühl mit der Situation. In Zukunft wird er sich also in der Tierarztumgebung oder zu Hause in einer ähnlichen Situation an diese unangenehmen Gefühle erinnern und, je nach Temperament, entweder Stresssymptome oder sogar Gegenwehr zeigen. Versucht der Hund, der Situation zu entkommen, wird es für ihn häufig noch unangenehmer, da er nun zusätzlich festgehalten wird. Schafft er es, sich durch Zappeln oder aggressives Verhalten zu befreien, lernt er, in Zukunft häufiger solche eigentlich unerwünschten Verhaltensweisen zu zeigen. Dies stresst wiederum oft den Menschen, dessen Laune schlechter wird, was einen zusätzlichen Stressor für den Hund darstellt. Ein Teufelskreis beginnt, in dessen Folge medizinische und pflegerische Maßnahmen für den Hund immer belastender werden.

Wie lässt sich der Teufelskreis verhindern?

Die am einfachsten durchzuführende Maßnahme, um Stress beim Hund während tierärztlicher und pflegerischer Maßnahmen zu reduzieren und eine positive Grundstimmung zu erzeugen, ist, den Hund hochfrequent mit gutem Futter zu belohnen. In der Tierarztpraxis bedeutet das konkret, den Hund schon im Wartezimmer für erwünschtes IMG 2267Verhalten zu belohnen. Im Behandlungsraum kann im Idealfall nahezu ununterbrochen gefüttert werden, wenn der Hund in der Lage ist, Futter zu nehmen. Eine Futtertube, gefüllt mit Leberwurst oder Lieblingsnassfutter, leistet dabei gute Dienste. Bereits vor der eigentlichen Untersuchung und solange der Hund noch auf dem Boden ist, sollte er für ruhiges Verhalten belohnt werden. Sobald der Hund auf dem Tisch ist, kann er an die Futtertube angedockt und dauerhaft gefüttert werden. Lediglich wenn der Hund zappelt oder anderes unerwünschtes Verhalten zeigt, sollte das Füttern kurz unterbrochen werden, um kein unerwünschtes Verhalten zu belohnen. Auf diese Weise besteht eine gute Chance, dass der Hund eine positive Grundstimmung verknüpft und gerne wieder in die Praxis kommt.

Doch viele Hunde nehmen kein Futter mehr, wenn sie einen bestimmten Stresslevel überschritten haben. Für solche Hunde ist Medical Training absolut notwendig, damit sie Tierarztbesuche und Pflege nicht als beängstigend oder sogar traumatisierend erleben.

Idealerweise wird Medical Training bereits beim Welpen durchgeführt. Durch kleinschrittiges Training lernt der Hund, dass körperliche Manipulationen ein Grund zur Freude sind, da es dabei oder danach immer eine gute Belohnung gibt. Dafür sollten die einzelnen Trainingsschritte so gewählt werden, dass der Hund möglichst oft Erfolg hat. Es sollte mit hochwertigem Futter als Belohnung gearbeitet werden, damit es sich für den Hund lohnt, zu kooperieren. Wie der erste Trainingsschritt aussieht, ist sehr individuell. Er sollte so gewählt werden, dass der Hund dabei auf jeden Fall ruhig und entspannt bleiben kann. Bei den meisten Hunden kann mit einem kurzen Moment des Festhaltens begonnen werden. Der Hund wird für einen kurzen Moment fixiert und sofort belohnt, wenn er stillhält. Zappelt der Hund bei jeder Berührung, zeigt Stresssignale oder sind Sie unsicher, wie der erste Schritt bei Ihrem Hund konkret aussehen sollte, ist es sinnvoll, einen Trainer zu Rate zu ziehen.

Im weiteren Verlauf wird der Hund in kleinen Schritten immer länger fixiert, bis er seine Belohnung bekommt. Toleriert der Hund die Fixation für eine ausreichend lange Zeit, kann wiederum in kleinen Schritten mit verschiedenen Manipulationen begonnen werden. Außerdem muss das Verhalten generalisiert, also die einzelnen Zwischenschritte in unterschiedlichen Situationen und Kontexten abgefragt und belohnt werden, bis es stabil genug ist, um auch im Ernstfall zu bestehen. Wird ein solches Training mit einem Hund durchgeführt, der noch keine schlechten Erfahrungen gemacht hat, wird ein gutes Grundgerüst geschaffen, um Stress beim Tierarzt oder bei der Körperpflege zu vermeiden oder zumindest gering zu halten. Wird der Hund im Training und dann auch im Ernstfall immer sehr gut belohnt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er die Situationen als positiv abspeichert.

Doch was ist mit Hunden, die bereits die Erfahrung gemacht haben, dass Manipulationen durch den Menschen unangenehm oder schmerzhaft sind und die bereits mit Stresssignalen oder Gegenwehr reagieren?

Training von Kooperationssignalen

Leckerchen MaulEin sehr großer Stressfaktor bei medizinischen und pflegerischen Prozeduren, bei denen Hunde festgehalten werden müssen, ist der in dieser Situation erfahrene Kontrollverlust. Keine Kontrolle über seinen eigenen Körper zu haben, erzeugt ein Gefühl des Ausgeliefertseins. Erlangt der Hund die Kontrolle zurück, ist es für ihn sehr viel einfacher, sich auf körperliche Manipulationen einzulassen, da er jederzeit die Möglichkeit hat, sich der Situation zu entziehen und sie damit zu beenden. Über das Training eines Kooperationssignals bekommt der Hund die Möglichkeit, sein Einverständnis für das Durchführen einer Manipulation zu geben oder es auch zu widerrufen. Als Kooperationssignal eignet sich jedes Verhalten, das einfach zu trainieren und für den Hund einfach auszuführen ist, und das mit der jeweiligen Prozedur vereinbar ist. Das flache Liegen auf der Seite ist ein geeignetes Kooperationssignal für viele tierärztliche Untersuchungen, das Bürsten oder Manipulationen an den Pfoten. Für Untersuchungen im Gesicht oder die Eingabe von Augenmedikamenten ist ein Kinntarget sehr praktisch. Dabei legt der Hund sein Kinn in die Hand des Menschen oder auf einen Hocker und verharrt so. Zum Krallenschneiden bietet sich ein Pfötchengeben als Kooperationssignal an. Solange der Hund die Position des Kooperationssignals hält, ist er mit der durchgeführten Manipulation einverstanden und wird am Ende belohnt. Hebt der Hund das Kooperationssignal auf, verlässt also die Position, wird die Manipulation sofort beendet. Es gibt für den Hund keinerlei negative Konsequenzen außer das Ausbleiben der Belohnung.

Um ein Kooperationssignal zu trainieren, wird im ersten Schritt das ausgewählte Verhalten trainiert. In vielen Fällen ist dies über Locken mit Futter sehr schnell möglich. Im Zweifelsfall ist die Unterstützung durch einen Hundetrainer sinnvoll. Im zweiten Schritt wird der Hund trainiert, das Kooperationssignal einige Sekunden zu halten. Ist eine IMG 9799Dauer von etwa 5 Sekunden trainiert, kann begonnen werden, dem Hund die Bedeutung des Kooperationssignals zu erklären. Dazu wird eine Ablenkung gesetzt, die der Hund noch gut tolerieren kann, ohne das Kooperationssignal zu unterbrechen. Wird beispielsweise das Kinntarget als Kooperationssignal trainiert, wäre ein möglicher erster Schritt, dass Sie Ihre freie Hand blitzschnell seitlich ausstrecken, während der Hund das Kinntarget zeigt. Hält der Hund das Kinntarget, wird er sofort in der Position belohnt. Im nächsten Schritt strecken Sie die freie Hand aus und führen eine kurze Winkbewegung aus. Ein Halten des Kooperationssignals wird wiederum belohnt. Auf diese Weise nähren Sie Ihre freie Hand immer näher dem Hundegesicht an, bis Sie den Hund schließlich berühren. Hält der Hund das Kinntarget trotz Berührung, kann in kleinen Schritten die gewünschte Manipulation trainiert werden. Während des ganzen Trainings des Kooperationssignals gilt, dass ein Auflösen des Kooperationssignals seitens des Hundes in erster Linie eine Information für Sie darstellt, dass der gewählte Trainingsschritt in diesem Moment zu groß war. Als Konsequenz fügen Sie Zwischenschritte ein, die der Hund erfolgreich bewältigen kann. Die meisten Hunde verstehen sehr schnell, dass sie mit dem Kooperationssignal sozusagen über einen „Not-Ausschalter“ verfügen. Das Wissen, dass sie die Kontrolle über die Situation haben und jederzeit signalisieren können, wenn es ihnen zu viel wird, versetzt sie in die Lage, Manipulationen zu tolerieren, die sie unter anderen Umständen ängstigen würden. Auf diese Weise spielt man mit dem Hund ein Frage-Antwort-Spiel: „Kannst du dein Kinn in meiner Hand lassen, wenn meine andere Hand die Lider deines Auges spreizt?“ Antwortet der Hund mit „Ja“, indem er sein Kinn in der Hand lässt, wird er sofort gut belohnt. Antwortet er mit „Nein“, indem er das Kinn aus der Hand nimmt, bekommt er keine Belohnung, wird aber auch nicht festgehalten. Die Antwort des Hundes bestimmt den nächsten Trainingsschritt.

Als Faustformel sollten die Trainingsschritte jeweils so gewählt werden, dass der Hund in mindestens 80 % der Fälle erfolgreich ist und die an ihn gestellte Frage mit „Ja“ beantworten kann. Erfolgreiches Training über positive Verstärkung sollte immer kleinschrittig durchgeführt werden. Eine Besonderheit beim Medical Training im Vergleich zu anderen Trainingsbereichen ist, dass in vielen Fällen gegen bereits bestehende starke negative Emotionen antrainiert werden muss, wenn der Hund schon entsprechende Vorerfahrungen gemacht hat. Dies ist zum Beispiel auch der Fall beim Training an verschiedenen Arten von Aggressionsverhalten, wie zum Beispiel der Leinenaggression. Im Medical Training soll der Hund aber nicht von sich aus Distanz zum Auslöser aufbauen oder sich abwenden, sondern soll im Gegenteil in der Situation bleiben und sie aushalten. Daher ist ein sorgfältiges Planen der einzelnen Trainingsschritte und eine ständige Evaluation des Verhaltens des Hundes sowie seiner Körpersprache von entscheidender Wichtigkeit für erfolgreiches Medical Training. Hat Ihr Hund bereits negative Verknüpfungen mit den Themen Tierarzt und Pflege, ist daher die Unterstützung durch einen erfahrenen Trainer oder verhaltenstherapeutischen Tierarzt unter Umständen sinnvoll.

Ein gut trainiertes Kooperationssignal ist extrem belastbar. Selbst schmerzhafte Maßnahmen wie Blutentnahmen, Injektionen oder das Versorgen von Wunden lassen sich nach entsprechen-dem Vortraining über Kooperationssignale so durchführen, dass der Hund gerne und vertrauensvoll mitarbeitet. Im Bereich des Zoo tiertrainings werden teilweise selbst Maßnahmen wie Magenspiegelungen oder CT-Untersuchungen an wachen Tieren mithilfe von Kooperationssignalen durchgeführt, so dass Narkosen vermieden werden.

Fazit

Medical Training befähigt Ihren Hund, Situationen angst- und stressfrei zu meistern, mit denen er im Laufe seines Lebens immer wieder konfrontiert wird. Auch Hunde, die scheinbar „brav“ medizinische und pfle-gerische Maßnahmen erdulden, ohne sich ernsthaft zu wehren, profitieren entschei-dend von Medical Training, da es ihnen Kontrolle über ihren eigenen Körper gibt und damit entscheidend zu ihrer Lebensqualität beiträgt. Hunde, die gelernt haben, sich zu wehren, können über das Training von Kooperationssignalen lernen, bei medizinischen und pflegerischen Maßnahmen vertrauensvoll zu kooperieren, so dass diese Maßnahmen überhaupt wieder möglich werden.

Damit ist Medical Training gelebter Tierschutz! Zudem macht Medical Training, wie jedes Training über positive Verstärkung, wirklich Spaß. Es ist eine wunderbare Möglichkeit, Hunde auf kleinem Raum und belastungsarm auszulasten und mental zu stimulieren, und liefert einen echten Mehrwert für Hund und Halter. Ein über Medical Training gut vortrainierter Hund kann entscheidend an seiner eigenen Pflege und Gesunderhaltung mitwirken, erhält eine gewisse Form von Selbstbestimmung und hat gemeinsam mit seinem Menschen viel Spaß.

Sie wollen mehr zu diesem Thema erfahren? Die Aufzeichnung unseres 1-Tages-Webinar "Medical Training" mit Dr. Dorothea Johnen der Herbstweiterbildung 2020 ist ab sofort verfügbar unter:

https://www.hundwerkszeug.de/online-angebot/bhv-weiterbildung/bhv-medicaltraining.html

Themen des Webinars:

  • Grundlagen des Medical Trainings
  • Einführung Kooperationssignale und praktisches Training
  • Was tun, wenn keine Zeit für Training ist?
  • Kommunikation mit dem Tierarzt – Was muss ich als Trainer wissen?
  • Praktisches Training

Artikel PDF-Download

Zur Person

IMG 3076 Doro mit EllieDr. vet. med. Dorothea Johnen ist Tierärztin in einer Berliner Kleintierpraxis und Tiertrainerin mit verhaltenstherapeutischer Sprechstunde in Berlin. Sie ist 2-Sterne-TOP Trainerin der Tierakademie Scheuerhof. Sie ist Referentin im In- und Ausland.

Kontakt

www.clickerschule.de, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Wir benutzen Cookies

Einige der eingesetzten Cookies sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere helfen, den Besuch der Website für Sie komfortabler zu machen.

Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten.
Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.