Hunde für Handicaps - Der Weg vom Welpen zum Assistenzhund

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Anna Senkel ist Mitglied im Verein Hunde für Handicaps. In der dreiteiligen Familienhund-Serie erzählt sie, wie ein Hund zum Assistenzhund wird. In Teil 1 beschreibt sie Wege der Ausbildung und wie ein Welpe ausgesucht wird.

Ein Assistenzhund unterstützt im Alltag einen Menschen, der mit Behinderung oder chronischer Erkrankung lebt. Dieser Hund kann beispielsweise Schubladen und Türen öffnen, Lichtschalter betätigen und die Waschmaschine ausräu­men. Was er genau lernt, ist abhängig vom Bedarf seines Halters.

Der Verein Hunde für Handicaps e. V. trainiert seit mittlerweile 25 Jahren Hundehalter mit Körperbehinderung und ist auf die Ausbildung von Behinderten­ Begleithunden spezialisiert. Die Ausbildung vom Welpen bis zum fertig trainierten Assistenz­hund dauert etwa zwei Jahre. Je nach Hund, nach Ausbildungsziel und nach Ausbildungsweg mal kürzer und mal länger. Finan­ziert wird die gesamte Ausbildung eines Assistenzhundes über Spendengelder. Die Kosten liegen bei etwa 20.000 Euro.

Drei Wege der Ausbildung:

1. Die Selbstausbildung

Der Hund lebt von Beginn an bei seinem Halter, der ihm selbst­ständig unter Anleitung der Vereinstrainer die Grundausbildung und die benötigten Hilfeleistungen beibringt. Der Weg der Selbst­ausbildung ist für Menschen geeignet, die bereits einen (jungen) Hund haben beziehungsweise sich zutrauen, selbst einen Welpen aufzuziehen.

Nachteil der Selbstausbildung ist, dass es zunächst – bis der Hund ein Jahr alt ist – unklar bleibt, ob der Hund die gesundheitliche Überprüfung und die Verhaltenstests bestehen wird. So kommt es leider vor, dass nach dem ersten Lebensjahr festgestellt wird, dass der Hund beispielsweise eine schwere Erkrankung der Hüften oder der Ellenbogen hat. Dann kann er kein Assistenzhund werden. Da jedoch kein Hundefreund – egal ob mit oder ohne Behinderung – seinen besten Freund nach einem Jahr einfach umtauscht, bleibt der Hund als ganz normaler Familienhund bei seinem Menschen.

Daran kann man schon erkennen, dass die Selbstausbildung in erster Linie für Menschen geeignet ist, die zwar von der Hilfe eines Assistenzhundes profitieren können, aber grundsätzlich selbstständig sind. Auch müssen „Selbstausbilder“ körperlich fit genug sein, den Welpen aufziehen oder einen erwachsenen Hund versorgen zu können, auch wenn der noch keine Hilfeleistungen erbringen kann.

2. Die Fremdausbildung

Die Fremdausbildung ist der klassische Weg, um an einen Assis­tenzhund zu kommen. Dafür kauft Hunde für Handicaps jedes Jahr auserwählte Welpen, die im „Patenprogramm“, also bei ei­nem Trainer oder in einer Patenfamilie, aufwachsen. Nach einem Jahr werden die jungen Hunde auf Herz und Nieren überprüft. Neben einer gründlichen gesundheitlichen Untersuchung findet auch eine Verhaltensüberprüfung des Hundes statt. Die Hunde, die sowohl mit ihrem Verhalten als auch mit ihrer Gesundheit überzeugen konnten, werden in ihrem zweiten Lebensjahr von einem Trainer weiter ausgebildet und speziell auf die Bedürfnisse und das Leben mit ihrem zukünftigen Halter vorbereitet.

Nach einer intensiven Kennenlernphase zwischen dem zukünfti­gen Hundehalter und dem Hund beginnt dann die Einarbeitung des Teams. Der Einarbeitungslehrgang geht über mehrere Wo­chen und findet zunächst in Berlin und dann im zweiten Teil am Wohnort des Halters statt. Nach der Einarbeitung wird das neue Team in den folgenden Monaten wöchentlich weiter geschult und begleitet. Nach ca. sechs Monaten legen die beiden dann die Assistenzhund­Team­Prüfung ab.

3. Die Selbstausbildung nach Patenprogramm

Die Selbstausbildung nach Patenprogramm ist eine Kombinati­on aus der ersten und zweiten Variante. Wie bei der Fremdaus­bildung werden Welpen angekauft, die ihr erstes Lebensjahr im Patenprogramm des Vereins verbringen. Nach Bestehen der Eig­nungstests werden die besonders braven, begabten und bereits gereift en Junghunde direkt in die Einarbeitung mit ihren zukünf­tigen Menschen gegeben. So können die frisch gebackenen Hun­dehalter mit Hilfe unserer Trainer dem Hund die erforderlichen Assistenzleistungen beibringen. In der Selbstausbildung nach Patenprogramm werden geeignete Hunde an Menschen gegeben, die gerne selbst mit dem Hund trainieren und ihn selbst ausbil­den wollen. Dem Hund ermöglicht das Programm, bereits als Jährling mit seinem neuen Menschen zusammenzuwachsen und von ihm alle Hilfeleistungen zu lernen.

Für welchen Ausbildungsweg ein Bewerber geeignet ist, entschei­det sich in den jährlichen Schnupperseminaren. Dabei geben Trai­ner und erfahrene Assistenzhundhalter den Bewerbern Einblicke in ein Leben mit einem Assistenzhund. Durch den Austausch und die gemeinsamen Übungen können die Hundetrainer schon überlegen, welcher Hund zu welchem Menschen passen könnte.

Die Auswahl eines Welpen

Hunde für Handicaps hat in erster Linie Labrador und Golden Retriever im Patenprogramm. Zwischendurch haben wir auch mal andere Rassen, aber die beiden Retrieverrassen passen für unseren Bedarf häufig am besten.

Besonders wichtig ist es, einen Welpen zu finden, der möglichst gute Chancen hat, sich gesund zu entwickeln. Hier ist es von großem Vorteil, wenn ausführliche Gesundheitsergebnisse und Zuchtwerte der Elterntiere und ihrer bisherigen Nachkommen verfügbar sind. Natürlich kann sich ein Hund auch immer an­ders entwickeln als gehofft – aber mit einem Welpen aus einer ge­sunden Familie stehen die Chancen deutlich besser, später einen gesunden Hund zu erhalten.

Ein weiteres, sehr wichtiges Auswahlkriterium ist das Verhalten. Je nach dem, was man später einmal von seinem Hund möchte, ist es günstig, sich einen Welpen mit entsprechender Veranla­gung auszusuchen.

Für unsere zukünftigen Assistenzhunde ist es wichtig, dass sie ein freundliches und sicheres Verhalten zeigen. Ein Hund, der zum Beispiel bei jedem vorbei rauschenden LKW in Panik verfällt, wäre eine Gefahr für seinen Menschen. Auch ein Hund, der bei einem lauten Knall davon­läuft oder sich in der Begegnung mit anderen Hunden aggressiv oder ver­ängstigt zeigt, ist als Assistenzhund ungeeignet.

Selbstverständlich beeinflussen rich­tiges Training und eine sorgfältige Sozialisierung die Entwicklung eines Welpen. Aber aus einem genetisch ängstlichen und sehr sensibel veran­lagten Hund einen tapferen, gelassen in sich ruhenden Begleiter zu machen, wird nicht (oder nur in seltenen Einzelfällen) gelingen. Ist ein Hund zu ängstlich und zu sensibel, ist er in der Rolle als Assistenzhund schnell überfordert, und es empfiehlt sich, für ihn einen anderen „Hundeberuf“ zu finden. Trotzdem soll ein Assistenzhund kooperativ und leicht zu lenken sein. Ein solcher Hund ist aber häufig auch sensibel. Mei­ne Herausforderung ist also, einen Hund zu finden, der einerseits sensibel, feinfühlig und kooperativ ist, ohne dabei ängstlich zu sein.

Genauso ist es mit dem Jagdtrieb: Unsere Hundehalter machen mit ihren Retrievern vielleicht gerne Dummytraining, aber sie wollen ihren Assistenzhund nicht jagdlich einsetzen. Retrie­ver sind aber Jagdhunde. Sie sind zwar für die Arbeit nach dem Schuss gezüchtet worden, haben aber trotzdem jagdliches Interesse. In Be­zug auf Jagdverhalten achte ich bei meiner Suche also darauf, dass das jagdliche Interesse der Elterntiere entweder möglichst klein ist, oder aber, dass die Hunde „leichtführig“ sind.

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Welpe Rigo

Seit kurzem ist Rigo bei Hunde für Handicaps angekommen. Den am 19.8.2016 geborenen schwar­zen Labrador habe ich am 20.10.2016 vom Züchter zu mir geholt. Bis ich Rigo gefunden habe, war ich lange im Internet unterwegs und habe Zuchtlinien und Zucht­werte verglichen. Schließlich habe ich Kontakt mit Rigos Züch­tern aufgenommen und mich über seine Eltern informiert. Als ich ihn besuchte, war er 5 Wochen alt. Besonders gut hat mir an ihm gefallen, dass er direkt Kontakt zu mir gesucht hat. Dabei war er einerseits verkuschelt und andererseits leicht zum Spielen zu motivieren. Dabei zeigte er sich nie ängstlich, sondern immer mittendrin.

Ich bin sehr glücklich mit ihm und glaube, einen ganz tollen Hund gefunden zu haben. Aber in einem Jahr erst werde ich se­hen, ob alles geklappt hat: Ob er gesund ist und sich zu einem sicheren, ausgeglichenen und freundlichen Hund entwickelt hat. Bis dahin steht uns aber noch einiges bevor:

Alle unsere Welpen verbringen ihr erstes Lebensjahr in einer Pa­tenfamilie oder bei einem Trainer des Vereins. Unsere Paten wer­den schon vor Einzug der Welpen intensiv geschult und im Laufe des ersten Jahres ein­ bis zweimal wöchentlich von einem Trainer betreut. Der Schwerpunkt liegt in den ersten Wochen darin, den Welpen an die belebte und unbelebte Umwelt zu gewöhnen. Er muss mit den verschiedensten Menschen, Hunden und anderen Tieren gut sozialisiert werden. Aber auch Autos, Aufzugfahren, Restaurantbesuche, laute Straßen, enge Städte und vieles mehr muss der kleine Hund kennenlernen.

Ebenso findet im ersten Lebensjahr das Basistraining statt. Der junge Hund soll im Alter von etwa einem oder eineinhalb Jah­ren eine gute Grunderziehung haben. Bevor es für Rigo mit Sitz, Platz, Fuß losgeht, fängt er erst mal mit dem wichtigsten Training an: Die Wohnung ist kein Klo! Dicht gefolgt von der Beißhem­mung, sprich, dass Hundezähne nicht in Menschenhaut gepiekst werden sollen.

Aquensis

Vor Rigo lebte der schwarze Labradorrüde Aquensis bei mir. Er ist dem Ziel, ein Assistenzhund zu werden, schon sehr nah. 2015 hat er mit Bravour seine Eignungstests absolviert und wurde dann in der Fremdausbildung für seinen neuen Teampartner Jens ausgebildet. Im September hatten Jens und Aquensis ihre Einar­beitung. Seitdem lebt Aquensis in Berlin und begleitet Jens durch den Alltag. Aquensis hilft Jens bei ganz alltäglichen Dingen wie dem Aufheben von heruntergefallenen Gegenständen oder auch dem Ausziehen von Stiefeln, Jacke oder Hose. Für Aquensis jedes Mal ein großer Spaß und für Jens eine große Hilfe.

Bald stellen sich Jens und Aquensis der Abschlussprüfung zum Assistenzhund­Team. Wir sind uns jetzt schon sicher, dass die beiden ein großartiges Team werden. Sie sind auf dem besten Weg.

Mehr über den Verein „Hunde für Handicaps“ gibt es unter: www.hundefuerhandicaps.de

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Lesen Sie hier den 2. Teil des Artikels:
https://www.hundeschulen.de/bhv/1124-hunde-fuer-handicaps-der-weg-vom-welpen-zum-assistenzhund-teil-2.html

Lesen Sie hier den 3. Teil des Artikels:
https://www.hundeschulen.de/bhv/1123-hunde-fuer-handicaps-der-weg-vom-welpen-zum-assistenzhund-teil-3.html

 

annarigo Hunde für Handicaps.A.SenkelZur Person

Anna Senkel ist Mitglied im Ausbildungsrat des BHV e. V. und Inhaberin der „Hundeschule am Rettershof“. Als 2. Vorsitzende und Trainerin des Vereins Hunde für Handicaps e. V. ist sie zuständig für Auswahl, Aufzucht und Ausbildung der Vereinshunde. Zudem prüft sie Blindenführhundgespanne und ist Prüferin für den BHV-Hundeführerschein.

Kontakt
www.hundeschule-rettershof.de

 

 

 

 

 

 

 

 

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